Sonntag, 25. November 2018

Venezianische Schulen - 1. Schole Picole


Diese Serie über die Scuole von Venedig beginne ich nicht mit den allseits bekannten "Scuole Grandi", deren sechs während der Zeit der Serenissima bestanden. Ich zäume das Pferd quasi von hinten auf und befasse mich im ersten Teil mit den "Schole Picole" (ital. "scuole piccole" - kleine Schulen).

Gleichwohl steht hier am Anfang das Bild einer Steintafel, die im Rio Terà dei Catecumeni. am Haus Nr. 119 im Sestiere Dorsoduro angebracht ist und das Emblem einer "Scuola Grande" zeigt. Es ist das "Logo" der Bruderschaft der Scuola Grande della Carità (in Veneziano "Schola Granda de la Carità"), der ältesten der "Großen Schulen", deren Wurzeln bis ins Jahr 1260 zurückreichen. Neben dem Zeichen der Bruderschaft ist ein Wappen zu sehen, dass jenes der Familie Di Stefani sein soll. (Das in einschlägigen Heradlik-Seiten zu findende Wappen der venezianischen Familie Di Stefani zeigt allerdings einen achtstrahligen goldenen Stern auf rot-schwarz geteiltem Schild.)

Emblem der Confraternita della Scuola Grande della Carità
Emblem der Confraternita della Scuola Grande della Carità
und Wappen der Familie Di Stefano


Die Inschrift lautet:


MDXXXVI
IN TEMPO DE MISIER ZVANE DI
STEFANI VARDIAN GRANDO



1536
Nel tempo di Signore Giovanni Di Stefani, Guardian Grando Zur Zeit des Herrn Giovanni Di Stefani, Vorsteher der Bruderschaft

Der Herr Zuane di Stefani wird in heutigem Italienisch Giovanni Di Stefani geschrieben. Er war der Guardian Grande ("Vardian Grando") der Bruderschaft, die die Scuola bildete. In den Scuole Grande wurden so die "Capi della confraternità", also die Vorsteher der Bruderschaft genannt.


Die Abbildung illustriert einen der Unterschiede zwischen den großen Bruderschaften und den anderen Scuole, In jenen wurde der Inhaber des Vorsteher-Amtes in der Regel "Gastaldo" genannt.

Schole Picole


Unter dem Begriff Schole Picole fasse ich hier die Bruderschaften zusammen, die vorwiegend oder ausschließlich Mitglieder einer bestimmten Berufsgruppe, einer Zunft oder Gilde (Corporazioni delle Arti e Mestieri - Körperschaften der Künste und Handwerke) angehörten, als auch solche, die sich unabhängig davon der religiösen Verehrung widmeten.
Etwas verwirrend kann die Tatsache sein, dass "scuola" oder "schola" sowohl die Körperschaft als auch das Gebäude bezeichnet, in der ihre Mitglieder sich versammelten.

Die venezianischen Schole und vor allem die Schole Picole waren theoretisch offene Organisationen, in dem Sinne, dass jeder, unabhängig von Geschlecht und Klasse, beitreten konnte; natürlich nur, wenn die Benintrada (Beitrittsgebühr) gezahlt wurde. Das Eintrittsalter sollte, je nach Bruderschaft normalerweise nicht weniger als 15 oder 16 Jahre betragen.

Im Gegensatz zu den Schole Grande“ stand es den Mitgliedern frei, mehr als einer Schole anzugehören. Die Eintrittszeremonie fand fast immer in der Kirche, vor dem Patronatsaltar statt. Nur wenige Mariegole (Satzungen) erlaubten es der Banca (Vorstand), die Mitbrüder zu empfangen, wo es ihnen angemessen schien.

Ein weiteres Merkmal, das die Schole Picole von denen der Battuti (Geißler) unterschied, war die Mitgliedschaft von Frauen. Während die Schole dei Battuti, aus denen später die Schole Grandi wurden, nach dem frühen dreizehnten Jahrhundert keine Frauen mehr aufnahmen, waren die meisten Schole Picole gemischte Körperschaften.

Im Leben der Bruderschaften drehte sich alles um die Matrikel oder Mariegola (von lat. matricula oder ital. matricola), wie diese Verzeichnisse von Mitgliedern, Regularien und Ereignissen in Venedig heißen. Manche erklären das Wort auch als eine entstellte "Madre Regola" (Mutterregel). In der Mariegola der im Jahre 1319 gegründeten Scuola di San Nicolò dei Mercanti, wird sie "la mare de la Schola" (la madre della Scuola - die Mutter der Schule) genannt. Eines der stets wiederkehrenden Kapitel in allen Mariegole forderte von den Schreibern große Aufmerksamkeit und Sorgfalt bei der Erstellung dieses Dokuments. Es sollte stets "in bona lettera e formata" (mit schönen Buchstaben und in schöner Form) geschrieben sein und der Einband der Matrikel wurde sehr aufwändig gestaltet.

An der Spitze einer Scuola Grande saß der Guardian Grando. Eine Schola Picola wurde durch einen Gastaldo (in einigen Fällen auch als Guardian oder Governator bezeichnet) vertreten. Er hatte die Aktivitäten der Scuola zu koordinieren und die Organisation des Vereins zu überwachen.

Neben dem Gastaldo saß der Vicario als Vizepräsident. Dann gab es noch den Scrivano (Schreiber, Schriftführer) und die Degani. Aufgabe des ersteren war es, die Aufzeichnungen aktuell zu halten. Die Degani standen an der Spitze einer Colonelo genannten Gruppe von Mitgliedern. Die Degani führten die Verzeichnisse mit den Daten der ihnen zugeordneten Mitglieder. Über die Degani organisierte die Schola ihr Territorium und hielt die Verbindung zu den Mitbrüdern und –schwestern.

Gastaldo, Vicario, Scrivano und Degani bildeten das Leitungsgremium der Scuola, die sogenannte Banca (ein Begriff, der sich auf die erhöhte panca (ital. für Sitzbank) bezieht, auf der der Vorstand Platz nahm).

Es gab außerdem kleinere Ämter; darunter das des Quadernier oder Vize-Schreiber und der Sindici, d.h. der Revisori (Rechnungsprüfer). Last but not least gab es noch das Amt des Nonsolo (Bestatter, „Leichenbitter“), ein exklusiv venezianischer Begriff für Becchino (ital. für Bestatter). Seine Aufgabe bestand in der Vorbereitung der Leiche für die Beerdigung und die Benachrichtigung des zuständigen Degan, der seinerseits die Behörden zu informieren und sein Verzeichnis zu berichtigen hatte.

Die gewöhnlich zweimal jährlich stattfindende Vollversammlung der Schola, bei der für alle Mitglieder Anwesenheitspflicht bestand, nannte man Capitolo.

Jedes Mitglied einer Scuola hatte eine Tolella, ein hölzernes Täfelchen als Mitgliedsausweis. Bei den Vollversammlungen wurde die Tolella an ein Cancello (Gittertor) gehängt, so dass jeder sehen konnte, wer anwesend war. Das Gittertor war allerdings kein Tor im eigentlichen Sinn, sondern ein metallenes Gitter. Außer an Versammlungstagen wurden die Tolelle in Caselete, speziellen Behältern, aufbewahrt. Der Ausdruck "levava tolella" (die Tolella erheben) kommt häufig in den Mariegole vor und bedeutete die Verpflichtung, der Scuola eine bestimmte Summe, quasi als Mitgliedsbeitrag zu zahlen.

Alle Amtsinhaber wurden auf die Dauer von zwölf Monaten gewählt. Ohne eine plausible Entschuldigung konnte niemand die Wahl ablehnen. Anderenfalls riskierte man den Ausschluss aus der Scuola. Nach Ablauf der Amtszeit war eine Wiederwahl gewöhnlich für die Dauer von zwei oder drei Jahren ausgeschlossen. "Et questo perchè cadauno habbia a partecipar di honori et fadighe" ("e questo è perché cadauno deve partecipare agli onori e alle fatiche") – "weil jeder sich an Ehren und Mühen zu beteiligen hat".

Glossar


Mariègola s. f. [Veneziano für das ital. Matricola - Matrikel]
Statut der Handwerks-Korporationen und Bruderschaften. Die Mariegole enthielten auch ein alphabetisches Verzeichnis aller Mitglieder nach Nachbarschaften, Kirchspielen oder Sestieri.

Gastaldo s. m.
Das Wort Gastaldo, so sagt es Treccanis Enciclopedia Italiana, stammt aus dem Langobardischen und bedeutet so viel wie "Gestellter". Der Gastalde, wie er im Deutschen heißt, war so etwas wie ein hoher Beamter mit weitreichenden Befugnissen, der einem Krongut oder einer Gebietskörperschaft vorstand. Im Gegensatz zu den "duces" (Herzögen) und "comes" (Grafen), die auf Lebenszeit ernannt wurden, war sein Amt zeitlich befristet.

Nonsolo s. m. [auch Nonzolo, Veneziano für das ital. Nunzio, vom lat. nuntius – Bote]
Wird gewöhnlich mit dem ital. Becchino – Totengräber gleichgesetzt. Der Nonsolo hatte die Aufgabe, die Toten für das Begräbnis vorzubereiten und den zuständigen Degano zu verständigen, der verpflichtet war, die Behörden zu informieren.
Der Nonsolo entspricht aber wohl eher dem, was wir in Norddeutschland Leichenbitter oder Ansager nennen würden (andernorts auch Begräbnisbitter, Leichensager, Leichensäger, Leichenlader, Leichenbesorger, Leidbitter, Totenbitter). Der Leichenbitter arrangierte die Beerdigung, unterrichtete den Pfarrer, bestellte den Totengräber und die Sargträger. Er war auch der Zeremonienmeister bei der Durchführung der Bestattung.

Exkurs:

Scuola della Purificazione della Beata Vergine Maria, Arte dei Calafai de l'Arsenal


Noch heute heißt bei der "Società di Mutuo Soccorso Carpentieri e Calafati" der Vorsitzende "Gastaldo". Die "Gesellschaft für gegenseitige Hilfe der Zimmerleute und Kalfaterer", die sich selbst als Nachfolgerin der Schole Picole dei Calafai de l’Arsenal (Calafati - Kalfaterer) und derjenigen der Marangoni da Nave (Carpentieri della Nave - Schiffszimmerleue) sieht, wurde 1867 gegründet, also gut 60 Jahre nach der Auflösung der Zünfte durch Napoleons Edikte während der französischen Okkupation der Serenissima.

Auch die anderen Leitungsorgane der Gesellschaft tragen die Bezeichnungen, die durch die "Mariegole" (Matrikel) der alten Scuole überliefert sind. Nur das Amt des Nonsolo ist obsolet geworden.

Die Banca, das Präsidium als Exekutivkomitee besteht aus
  • dem Gastaldo (Präsident, Vorsitender),
  • dem Vicario (Vizepräsident, Stellvertr. Vorsitzender),
  • dem Scrivan (Sekretär, Schriftführer),
  • dem Quadernier (Vizesekretär, Stellvertr. Schriftführer) und
  • dem Cassier (Kassierer).
Der Verwaltungsrat, Capitolo genannt, besteht aus zehn Degani.

Im Kreuzgangs des Konvents von San Francesco de la Vigna hat sich im Bodenbelag ein Zeugnis der Zunft der Kalfaterer erhalten:

Inschrift im Pflaster des Kreuzgangs von San Francesco de la Vigna
Inschrift im Pflaster des Kreuzgangs von San Francesco de la Vigna



AL NOME DE DIO
IN TEMPO DE S[er] DOMENEGO
CESTER
DE ANTONIO GASTALDO ET
CONPAGNI DE L'ARTE DELI
CALAFAI



Im Namen Gottes
Zur Zeit des Herrn Domenico
Cester
de Antonio Gastaldo und
Genossen der Zunft der Kalfaterer


In den Namen wurde das "CESTER" offensichtlich nachträglich eingefügt. Mir scheint das nicht zum Namen zu gehören, sondern den Beruf des Domenico de Antonio anzuzeigen. Ein Cester (Ital. cestaio) ist ein Korb- bzw. Kistenmacher. Die Scuola dei Calafati war eine "offene" Scuola, d.h., ihre Mitglieder mussten keine Kalfaterer sein. Die Präposition de oder di ist die italienische Form der patronymischen Namensbildung. Der Herr Gastaldo war also Domenico, Sohn des Antonio.

Nach Emmanuele Antonio Cicogna (Venedig, 1789-1868) steht dort auch noch "FV RESTAVRATA L'ANNO 1777" ("wurde restauriert im Jahre 1777") - diese Zeile ist meiner Aufmerksamkeit allerdings entgangen. Außerdem soll dort nach älteren Quellen das Datum "VII FEBRARO MDLXII" (7. Februar 1562) gestanden haben. [Codex Cicogna 1592, Bemerkung zur Inschrift 151 von San Francesco de la Vigna, im Museo Civico di Venezia].

Und wo ich schon bei der Arte dei Calafai, der Zunft der Kalfaterer bin und in der Annahme, dass dieser Beruf wohl nicht mehr allgemein bekannt sein dürfte, folgen nun ein paar Worte zum Kalfatern

Kalfatern ist die Abdichtung des Rumpfes eines holzgebauten Schiffes oder Bootes. Dabei werden die Zwischenräume der Planken mit Werg, das sind Leinen- oder Hanffasern, gestopft und mit Pech versiegelt.Dabei kommen im Wesentlichen drei Arten von Werkzeugen zum Einsatz. Mit dem Kalfathammer (ital.maglio da calafato) und den Kalfateisen (im Italienischen malabestia genannt) wird das Werg in die Plankenfugen getrieben. Abschließend werden die Werg-gefüllten Fugen mit Hilfe eines "Wollknäuels", das Dweiel oder Dweidel genannt wird, mit Pech versiegelt.

Das Kalfatern wurde auf den Werften der Serenissima als eine hochspezialisierte und anspruchsvolle Tätigkeit angesehen. Das zeigt sich auch darin, dass die Ausbildung zum Schiffszimmerer Meister, einem "Maestro d'Ascia" (Meister der Axt - fast schon eine poetische Bezeichnung eines Zimmerermeisters!), fünf Jahre dauerte, während es bis zum Maestro Calafato acht Jahre brauchte.