Sonntag, 13. Mai 2018

Lucia und die Eisenbahn


In Venedig kann es sich lohnen, seine Aufmerksamkeit auch einmal dem Straßenpflaster zu widmen. In der Gegend, auf die ich heute hinweisen möchte, ist das aber auch aus gutem Grund besonders anzuraten: Das Pflaster zwischen der Calatravabrücke und dem Bahnhof ist nämlich streckenweise noch nicht instandgesetzt und hat einige wirklich bedenkliche Schlaglöcher in den kleinteilig gepflasterten Bereichen.

Dasjenige, worum es in diesem Artikel geht, findet man im Pflaster des Bahnhofsvorplatzes, ziemlich genau in der Mitte. Dort sind zwei Platten aus istrischem „Marmor“ eingelassen, die etwas mit der Geschichte des Bahnhofs und der Heiligen Lucia von Syrakus zu tun haben. Bekanntlich trägt der Hauptbahnhof der Lagunenstadt ja auch den Namen Stazione Venezia SL, wobei das SL für Santa Lucia steht.



Auf der größeren Platte befindet sich unter der Abbildung einer Kirchenfassade dieser Text:


QUI LA PIETÀ DEGLI AVI NEL 1313 ERESSE E DEDICÓ IN ONORE
DI SANTA LUCIA LA CHIESA RINNOVATA AGLI INIZI DEL SECOLO XVII
DEMOLITA NEL 1860.



LA PARROCCHIALE DI SAN GEREMIA PROFETA CUSTODISCE
ORA IL VENERATO CORPO DELLA MARTIRE CRISTIANA

14 APRILE 1959 A CURA DELL'AZIONE CATTOLICA



Übersetzung:
Hier errichtete die Frömmigkeit der Vorväter 1313 zu Ehren der Heiligen Lucia die ihr gewidmete Kirche. Renoviert zu Beginn des 17. Jahrhunderts und abgerissen 1860.
---
Die Pfarrkirche St. Jeremia beherbergt heute den verehrten Leib der christlichen Märtyrerin.
14. April 1959 durch die katholische Aktion

(Der Tag ist unsicher, da die Zahl kaum noch lesbar ist)

Darunter liegt noch eine kleinere Platte mit dieser Inschrift:


ACCANTO ALLA CHIESA DI S. LUCIA
23 MAGGIO 1831
LA BEATA MADDALENA DI CANOSSA
FONDATO IL PRIMO ORATORIO CITTADINO
PER L'EDUCAZIONE RELIGIOSA E CIVILE
DEI FIGLI DEL POPOLO
ED INIZIAVA L'ISTITUTO
DEI FIGLI DELLA CARITÀ "CANOSSIANI"
GLI EX ALLIEVI
NEL 150° ANNIVERSARIO



Aber auf diese Inschrift werde ich vielleicht erst in einem späteren Artikel eingehen.

Übersetzung:
Neben der Kirche der Hl.. Lucia
gründete die gesegnete Maddalena von Canossa am 23. Mai 1831 das erste städtische Oratorium für religiöse und bürgerliche Erziehung der Kinder des Volkes und initiierte das Institut der Kinder der Nächstenliebe "Canossiani"
Die ehemaligen Schüler
zum 150-jährigen Jubiläum

Die Gedenktafeln im Pflaster vor dem Bahnhof Venezia SL
Die Gedenktafeln im Pflaster vor dem Bahnhof Venezia SL


An der Stelle des Bahnhofes stand also bis 1861 eine Kirche, die der Hl. Lucia von Syrakus gewidmet war und deren sterbliche Überreste beherbergte. Wie so manche Reliquien kam auch Lucia im Jahre 1204 nach der Plünderung Konstantinopels im Verlauf des Vierten Kreuzzugs als Kriegsbeute (oder etwas weniger vornehm ausgedrückt, als Diebesgut) nach Venedig.

Aus einer Katakombe im sizilianischen Siracusa war der Körper im Jahre 1040 durch den byzantinischen General und Gegenkaiser Georgios Maniakes überführt worden. Ob es bei dieser Gelegenheit legaler zugegangen ist, sei dahingestellt.

Es ist natürlich nicht nachzuweisen, dass es sich tatsächlich um die Gebeine der Heiligen handelt. Schließlich wird auch im lothringischen Metz behauptet, dass sie in der Basilika Saint-Vincent liegen.

Die Geschichte der Hl. Lucia in der Legenda Aurea des genueser Dominikaners und Erzbischofs Jakobus de Voragine kann man hier nachlesen: www.heiligenlexikon.de/Legenda_Aurea/Lucia.htm.

Kurz zusammengefasst lautet sie so (nach Wikipedia): Lucia war die Tochter eines reichen römischen Bürgers von Syrakus, der jedoch früh starb. Ihre Mutter Eutychia wollte sie verheiraten, doch Lucia hatte die Jungfräulichkeit um Christi willen gelobt und schob die Verlobung hinaus. Als ihre Mutter auf einer gemeinsamen Wallfahrt zum Grab der heiligen Agatha von Catania nach dem Gebet dort von den Leiden des Blutflusses geheilt wurde, stimmte Eutychia dem Gelübde zu. Lucias zurückgewiesener Bräutigam klagte sie in der diokletianischen Verfolgung als Christin an. Der Richter Paschasius wollte sie in ein Bordell bringen lassen, doch auch ein Ochsengespann und 1.000 Männer konnten sie nicht fortbewegen. Nach verschiedenen Martern und Wundern wurde sie schließlich mit einem Schwertstich in den Hals getötet. Andere Legenden berichten auch, dass man ihr die Augen herausgerissen hat.

Demzufolge wird Lucia meist mit einem Schwert und einem Palmzweig als Märtyrerattribute und oft auch mit ihren ausgerissenen Augen dargestellt.

Francesco del Cossa - Santa Lucia
[Public domain], via Wikimedia Commons
Francesco del Cossa - Santa Lucia

Die Hl. Lucia wird bei Blutfluss, und passenderweise bei Halsschmerzen und Augenleiden angerufen. Sie ist die Patronin der Armen, der Blinden, der reuigen Dirnen, der kranken Kinder, der Anwälte, Bauern, Elektriker, Glaser, Kutscher, Messerschmiede, Näherinnen, Pedelle, Polsterer, Sattler, Schneider, Schreiber und Weber und der Städte Syrakus und Venedig.

Ihr Gedenktag ist der 13. Dezember. Da dieser Tag vor der gregorianischen Kalenderreform auf die Wintersonnenwende fiel, wird das Fest der Hl. Lucia insbesondere in Skandinavien mit Lichtriten begangen (s. de.wikipedia.org/wiki/Luciafest).

Fassade und Grundriss der Kirche
(Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Datei:Disegni_Santa_Lucia_Venezia_Muttoni.png, aus Architettura di Andrea Palladio vicentino von F. Muttoni, 1740-1760)

Aber kehren wir zurück nach Venedig.

Die Kirche, die am Ort des heutigen Bahnhofs stand, wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts als Mariä-Verkündigung-Kirche (Chiesa di Santa Maria Annunziata) gebaut. Erst nachdem es anlässlich einer Bootsprozession zur Basilika auf der Insel San Giorgio Maggiore, in der die Hl. Lucia anfangs aufbewahrt wurde, zu einem Unglück mit mehreren Toten kam, beschloss man, die Heilige in die, nun umbenannte Chiesa di Santa Lucia in Cannaregio zu überführen.

1444 wurde die Kirche der Gerichtsbarkeit des nahe gelegenen Dominikanerkonvents Corpus Domini übergeben und im Jahr 1574 an den Servitenorden gegeben. Infolge der Napoleonischen Dekrete von 1805 wurde der Konvent aufgehoben und die Gebäude später abgerissen.

Im Laufe ihrer Geschichte erfuhr die Kirche der Hl. Lucia mehrere Umbauten und Renovierungen. Der letzte Bauzustand soll von Andrea Palladio beeinflusst sein. Jedenfalls nannte eine Inschrift der Fassade ihn als den Architekten. Sicher ist aber nur, dass es von Palladio aus dessen Todesjahr 1580 Entwürfe für die Innengestaltung gibt und dass der letzte Umbau erst gut 30 Jahre danach fertiggestellt wurde.

1860 wurden die Gebeine der Hl. Lucia in die Kirche San Geremia überführt und ihre Kirche wurde abgerissen um Platz für den ersten Bahnhof an dieser Stelle zu schaffen.

Chiesa di San Geremia Venezia - Santa Lucia
Chiesa di San Geremia Venezia - Santa Lucia
[CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Die Geschichte der Eisenbahn begann in Venedig allerdings schon weit früher. Man kann sagen, der Bahnhof war Teil der Planungen für die zweite Eisenbahn, die überhaupt auf der italienischen Halbinsel zwischen Mailand und Venedig als den beiden Hauptstädten des Königreichs Lombardo-Venetien gebaut werden sollte.

Das Königreich Lombardo-Venetien wurde am 9. Juni 1815 als Ergebnis des Wiener Kongresses geschaffen. König war in Personalunion der Kaiser von Österreich Ferdinand I., nach dem dann auch die 1837 gegründete K. k. priv. lombardisch-venetianische Ferdinands-Bahn benannt wurde.
Die Realisierung der Ferdinandsbahn zog sich allerdings aufgrund finanzieller Probleme von 1842 bis 1857 hin, in welchem Jahr der letzte Abschnitt Treviglio-Bergamo eröffnet wurde.

Die Strecke Padua-Marghera war im November 1843 fertig. Inzwischen hatte man im Mai 1841 auch den Bau der Lagunenbrücke begonnen, die im Oktober 1845 vollendet war. Im darauffolgenden Januar 1846 wurde die zweigleisige Eisenbahnbrücke in Betrieb genommen und der erste Zug erreichte den Bahnhof Santa Lucia.

Die Ponte della Libertà (nur die Straßenbrücke trägt offiziell seit 1945 diesen Namen), ab 1931 gebaut und 1933 als Ponte Littoria (nach dem faschistischen Staatssymbol, dem Liktorenbündel) eröffnet. Schon kurz vorher war das Parkhaus Autorimessa Comunale am Piazzale Roma erbaut worden. Ein Bau, dem man beileibe nicht ansieht, dass er mehr als 85 Jahre alt ist.

Stazione Venezia Santa Lucia
Stazione Venezia Santa Lucia

Der Bahnhof, wie wir ihn heute kennen, ist ein Kind des italienischen Rationalismus. Er wurde bereits in den 1920ern projektiert, 1936 bis 1943 gebaut, aber erst 1952 fertiggestellt.
Wie der ursprüngliche Bahnhof ausgesehen hat, können Sie hier sehen:

http://www.grandistazioni.it/cms/v/index.jsp?vgnextoid=29719320329ea110VgnVCM1000003f16f90aRCRD

Und welche Alternativentwürfe es für den Neubau gab, sehen Sie hier:

http://www.bassavelocita.it/concorso-per-la-stazione-venezia-santa-lucia/


Montag, 7. Mai 2018

Il Tintoretto - Das Färberchen



An der Fondamenta dei Mori, nur wenige Schritte entfernt von der berühmten Statue des Sior Antonio Rioba mit der eisernen Nase, befindet sich zwischen den Eingängen 3398 und 3399 eine Inschrift zur Erinnerung an den Maler Jacopo Robusti, genannt Tintoretto.

Fondamenta dei Mori, Cannaregio 3398/3399
Erinnerungstafel
Fondamenta dei Mori, Cannaregio 3398/3399

Das als Casa di Tintoretto bekannte Haus soll Geburtshaus und Werkstatt des Malers gewesen sein.

Casa di Tintoretto
Casa di Tintoretto


Der lateinische Text der Erinnerungstafel lautet:


NE PRAETEREAS VIATOR
JAC[opo] ROBUSTI QUI TINTORETTO
DOMUM VETUSTAM
INDE TABULAE INNUMERAE
MENTE PENICILLO IPSIUS
PERACRI AFFABRE ELABORATAE
PUBLICE PRIVATIMQ[e] ASPECTABILES
LATE PRODIERUNT
HOC TE RESCIRE JUBAVIT
CURA PRAESENTIS DOMINI
MDCCCXLII


Darunter befindet sich eine zweite Tafel mit der Inschrift „RENOVATA AERE CIVICO 1881“

Auf Italienisch lautet der Text ungefähr so:
"Viatore non passano da questa veneranda casa di Jacopo Robusto, detto il Tintoretto, dove numerosi quadri, con il pennello tagliente sapientemente lavorato, sia visibili pubblicamente che privatamente, sono state fatte. Questo sappiate dal proprietario attuale per il vostro piacere. 1842" /
"Rinnovato a spese pubbliche 1881"

Rough English translation:
"Wanderer don't pass by this venerable house of Jacopo Robusto, known as Tintoretto, where countless paintings, with sharp brush skillfully worked, both publicly and privately visible, were made. Learn this by the current landlord to your enlightment. 1842" /
"Renovated at public expense 1881"

Und eine ungefähre deutsche Übersetzung wäre:
"Gehe nicht vorüber, Wanderer, am altehrwürdigen Haus des Jacopo Robusto, genannt Tintoretto, wo unzählige Gemälde, durch seinen scharfen Pinsel kunstvoll gearbeitet, öffentlich wie privat sichtbar, entstanden sind. Dieses durch die Sorge des gegenwärtigen Hausherrn zu erfahren wird Dich erfreuen. 1842." /
"Auf öffentliche Kosten renoviert 1881"

Der Maler, der uns unter dem Namen Tintoretto bekannt ist, nannte sich mit bürgerlichem Namen Jacopo Robusti. Der Name Tintoretto ist das Diminutiv der Berufsbezeichnung seines Vaters Giovanni Battista Comin, der Färber, italienisch „tintore“ (venezianisch „tentor“) war und wahrscheinlich aus Lucca stammte. Den Beinamen Robusti (der Starke) soll dem Vater wegen dessen Beteiligung an der heldenhaften Verteidigung eines Paduanischen Stadttores im Jahre 1509 beigelegt worden sein.

Jacopo Robusti signierte Gemälde in der Regel mit der venezianischen Variante „tentoretto“ oder latinisiert als „Iacobus Tentorettus“ und auch in Familienpapieren, wie den Testamenten seiner Kinder, wird die venezianische Form verwendet.

Das Geburtsdatum Jacopo Robustis ist unbekannt, denn die diesbezüglichen Dokumente fielen einem Brand zum Opfer. Die Angaben zur Geburt Ende September – Anfang Oktober 1518 wurden aufgrund der Altersangabe im Sterbeeintrags „31. Mai 1594: starb Messer Jacopo Robusti genannt Tintoretto im Alter von 75 Jahren und 8 Monaten“ rekonstruiert. Der Tintoretto-Biograph Roland Krischel allerdings hat aus Dokumenten der Pfarreien und Behörden als Geburtszeit den April oder Mai 1519 ermittelt.

Tintorettos Grablege befindet sich in der nahe gelegenen Kirche de la Madona de l'Orto. Zu ihr kommt man über den Campo dei Mori, die Calle dei Mori und die Ponte de la Madona d l'Orto.

Madona de l'Orto
Madona de l'Orto

Folgt man der Fondamenta dei Mori noch ein Stückchen weiter Richtung Castello, kommt man zur Calle Tintoretto und durch sie zum Corte Tintoretto. Hier sieht man an einer der Fassaden drei Reliefs, die wohl an Tintoretto erinnern sollen, aber direkt nichts mit dem Maler zu tun haben.

Relief, Corte Tintoretto
Relief, Corte Tintoretto

Relief, Corte Tintoretto
Relief, Corte Tintoretto

Relief, Corte Tintoretto
Relief, Corte Tintoretto


Trivia:

In dieser Gegend wurden etliche Szenen des dänischen Spielfilms „Italiensk for begyndere“ (dtsch. „Italienisch für Anfänger“) gedreht. Aber dazu und zu dem eingangs erwähnten Sior Rioba demnächst mehr in einem eigenen Beitrag.

In Commissario Brunettis 17. Fall „Das Mädchen seiner Träume“ vergleicht der Commissario die Kuppel des Glockenturms der Chiesa de la Madona de l'Orto („natürlich“ in der unvenezianischen italienischen Schreibweise „Madonna dell'Orto“) mit einem Panettone.

Madona de l'Orto
Madona de l'Orto

Und in Commissario Brunettis 19. Fall „Auf Treu und Glauben“ trägt das fehlende Glockengeläut der Kirche wesentlich zur Aufklärung des Falles bei.