Freitag, 23. März 2018

Santa Maria della Pietà oder Vivaldis Waisen


In der Calle de la Pietà, an der Seitenfassade der "Vivaldi"-Kirche des Waisenhauses der Pietà, Santa Maria della Pietà (oder Santa Maria della Visitazione), findet sich unterhalb eines Capitelo eine Schrifttafel besonderer Art.

Der Text droht denjenigen, die Kinder im Waisenhaus abgeben, obwohl sie in der Lage sind, ihre Kinder selbst aufzuziehen, mit Verfluchung und Exkommunikation. Es war nämlich bis ins 18. Jahrhundert in Venedig ziemlich verbreitet, dass man sich seiner Babys entledigte und sie einem der vier großen Waisenhäuser übergab. Immerhin war damit eine gute Ausbildung und für die Mädchen im Falle ihrer Verheiratung auch die Mitgift gesichert.

Dass die Übergabe der kleinen anonym erfolgen konnte, erleichterte die Sache natürlich sehr. Gegenüber dieser Tafel sieht man eine Replik der "Babyklappe" der Pietà. Die Überbringerin oder der Überbringer legte das Kind in eine Drehlade und durch Ziehen eines Glockenstrangs wurde dem Personal des Waisenhauses die Ankunft eines neuen Zöglings avisiert.



  Capitelo und Inschrift an der Wand der Kirche della Pietà in der gleichnamigen Calle
Capitelo und Inschrift an der Wand der Kirche della Pietà in der gleichnamigen Calle




FVLMINA IL SIGNOR IDDIO MALEDITIONI E SCOMVNICHE
CONTRO QVELLI QVALI MANDANO O PERMETTANO
SVNO MANDATI LI LORO FIGLIOLI, E FIGLIOLE SI
LEGITTIMI, COME NATVRALI INQVESTO HOSPEDALE DELLA
PIETÀ HAVENDO IL MODO, E FACVLTA DIPOTERLI ALLEVARE
ESSENDO OBLIGATI AL RESARCIMENTO DIOGNI DANNO E
SPESA FATTA PER QVELLI, NE POSONO ESSER ASSOLTI
SE NON SODISFANO, COME CHIARAMENTE APPARE NELLA
BOLLA DI NOSTRO SIGNOR PAPA PAOLO TERZO
DATA ADI. 12 NOVENBRE L'ANNO 1548.


Es schlage der Herrgott mit Fluch und Exkommunikation diejenigen, welche ihre Söhne und Töchter, seien sie illegitim oder natürlich, senden oder erlauben sie zu senden in dieses Ospedale della Pietà, wenn sie fähig und in der Lage sind, diese aufzuziehen. Sie sind verpflichtet, alle Schäden und Ausgaben zu erstatten und ihnen kann nicht vergeben werden, wenn sie dies nicht erfüllen, wie es ganz klar in der Bulle unseres Herrn Papst Paul III. erscheint.
Gegeben am Tage des Herrn, 12. November 1548.

Aber was hat das Ganze denn nun mit Vivaldi zu tun?

Antonio Vivaldi leitete, mit einer kurzen Unterbrechung, von 1703 bis 1716 das Mädchenorchester des Ospedale de la Pietà, für das er wöchentlich ein neues Stück komponierte. Die Aufführungen fanden allerdings nicht in der heutigen Chiesa de la Pietà statt, diese Kirche wurde erst ab 1745 errichtet, sondern im Oratorium des Ospedale, das rechts von der Calle de la Pietà stand, dort wo sich heute das Hotel Metropole befindet.

Dieser Post ist ein Teil der Vorarbeiten zu einem geplanten zweiteiligen Beitrag zur Pietà und zu Antonio Vivaldi. Wobei sich der eine Teil "Vivaldis Weisen" mit dessen Biografie beschäftigen wird und der zweite Teil "Vivaldis Waisen" auf die Geschichte der Konservatorien, speziell des Ospedale de la Carità eingeht.

So, stay tuned ...