Samstag, 13. Mai 2017

... und Brücken sind ohnehin eine dumme Idee


Mehr als 400 Brücken verbinden die 116 Inseln, die durch 176 Kanäle getrennt sind und die das historische Zentrum Venedigs bilden. Von diesen Brücken sind übrigens 340 mit Fotos auf der Website "I Ponti di Venezia" dokumentiert.

Nicht immer und nicht von jedermann wurde die Lagunenmetropole in diesem Zustand für erhaltenswert befunden.
So schrieb zum Beispiel Heinrich Joachim Jaeck (Bamberg, 1777 - 1847) in seinem Reisebericht: 1)

Bloß die vielen Brücken sind, wie wir bereits erinnerten, wegen der 3 - 4 sehr breiten Treppen auf beiden Seiten, nur mit Ermüdung öfters zu ersteigen. Ohne diese Unbequemlichkeit würden die meisten Stadtbewohner ihre Wanderungen lieber zu Fuß machen, als in Gondeln durch die gewöhnlich stinkenden Kanäle fahren. Wir hoffen aber, daß durch die Ermunterung der Polizeidirektion manche vermögende Einwohner gedeckte Kanäle für die Aufnahme der Unreinlichkeiten aus den Abtritten ihrer Häuser herstellen, und die andere Hälfte der offenen Kanäle durch den von Zeit zu Zeit sich ergebenden Steinschutt zudecken lassen, wodurch das mühsame Wandern über viele Brücken, und viele Ausgaben für Gondelfahrten erspart werden können.

Ponte Tron o della Piavola
Zum Glück hat niemand auf Herrn Jäck gehört:

Ponte Tron o della Piavola sul Rio Orseolo 2),
San Marco


Dass es im 19. Jahrhundert auch Venezianer gab, die solche Ideen hatten, kann man in einem Artikel des Pietro Cecchetti im Journal "Il Vaglio" von 1843 lesen: 3)

IL VAGLIO Journal der Wissenschaften, Literaturen , Künste 13. Mai 1843
IL VAGLIO
Journal der Wissenschaften, Literaturen , Künste
13. Mai 1843



Cose Patrie
Abbellimenti di Venezia
Nuovo edificio ad uso della I. R. Direzione del Lotto
ed interrimento dei rivi di S. Silvestro e S. Apollinare

Circa poi al considerare del pari come abbellimento il sopra citato lavoro d'interrimento, dirò, che per esso viene ampiamente allargata gran parte di una tra le nostre più frequentate contrade, che le attigue case vengono liberate dalle ingrate esalazioni di un angusto rivo per accumulata belletta quasi colmato, che sono tolti di mezzo tre ponti di pubblico uso ed uno di privato (e i ponti sono in ubbia a tutti); che le comunicazioni tra calle e calle, tra casa e casa, vengono fatte più comode, brevi e piacenti: tutte queste ed altre utilità e agevolezze che si tacciono, e pur derivano dalla esecuzione di codesta opera, parmi che bastino a giustificare la sopra mentovata intitolazione.

Sant'Aponal und San Silvestrro mit den noch offenen Kanälen auf einer Karte Venedigs aus dem Jahre 1729
Sant'Aponal und San Silvestrro mit den noch offenen Kanälen auf einer Karte Venedigs aus dem Jahre 1729

(Ughi, Lodovico, and Giuseppe Baroni. [Iconografica rappresentatione della inclita città di Venezia consacrata al reggio serenissimo dominio veneto].
[Venice: Giuseppe Baroni á S. Giuliano, ?, 1729]
Map. Retrieved from the Library of Congress, https://www.loc.gov/item/2006629148/.
(Accessed May 13, 2017.))



Vaterländische Angelegenheiten
Verschönerungen Venedigs
Neues Gebäude für die kuk Lotto-Direktion
und Verfüllung der Kanäle von S. Silvestro und S. Apollinare

Alsdann sollten die vorerwähnten Arbeiten der Verfüllung als eine Verschönerung angesehen werden. Dass einer unserer geschäftigsten Stadtteile stark vergrößert wird,. dass die angrenzenden Häuser von den Ausdünstungen eines schmalen, fast ganz von Schlamm gefüllten Rio befreit werden, dass drei öffentliche Brücken und eine private Brücke aus dem Wege sind (und Brücken sind ohnehin eine dumme Idee), das die Verbindungen von Calle zu Calle, von Haus zu Haus bequemer, kürzer und attraktiver werden: all dies und die anderen Nützlichkeiten und Erleichterungen, von denen wir schweigen, obschon sie ebenso aus der Durchführung dieses Werkes resultieren, das scheint mir zu genügen, um die Überschrift „Verschönerungen Venedigs“ zu rechtfertigen.

Sant'Aponal und San Silvestro auf der aktuellen online-Karte
der Stadt Venedig


Auf dieser Karte habe ich die verfüllten Kanäle blassblau markiert. Ehemalige Kanäle, die durch Zuschüttung zu Straßen wurden, erkennt man im Allgemeinen am Namenszusatz "Rio Terà" - von "Rio interrato" - "begrabener Kanal".

An der Ecke Campiello del Sol / Calle del Sol erinnert diese Plakette an die "Großtat" der Stadtvercshönerung
An der Ecke Campiello del Sol / Calle del Sol erinnert diese Plakette an die "Großtat" der "Stadtverschönerung":
"Drei Kanäle geschlossen, vier Brücken zerstört. Diese Straße vom Canal Grande zum ehemaligen Palast der Bianca Cappello wurde geöffnet auf Kosten der Bürgerschaft. 1844 - 1845"

(Bianca Cappello (Venedig 1548 - 1587 Florenz) war die aus Venedig stammende Mätresse und spätere Ehefrau des Großherzogs der Toskana Francesco de Medici. Dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Bianca_Cappello)


Kanäle bzw. Rii verschwanden nicht nur. Es wurden auch immer wieder neue Wasserwege geschaffen. Einer der neuesten Kanäle ist - nomen est omen - der Neue Rio, der Rio Novo. Dieser Kanal wurde erst in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gegraben. Er beginnt am Piazzale Rome, in Höhe der Ponte della Costituzone ("Calatrava"-Brücke") und mündet beim Rio dei Carmini - Santa Margarita in den Rio de Ca' Foscari. Von dort geht's dann zum Canal Grande.
Der Rio Novo sollte einmal den Weg zwischen Bahnhof und San Marco für die Vaporetti abzukürzen. Allerdings wird der Rio schon seit Jahrzehnten nur noch von Taxibooten zu diesen Zweck genutzt.

Rio Novo
Rio Novo mit den Brücken
Ponte de la Cereria und Ponte de la Sbiaca


Der Weg vom Bahnhof Santa Lucia nach San Marco verkürzt sich durch den Rio Novo von ca. 3,5 km auf ca. 2,5 km:

Bahnhof - San Marco via Rio Novo: rote Linie
Bahnhof - San Marco via Rio Novo: rote Linie

Kartendaten © OpenStreetMap contributors


Der Rio Novo zeichnet sich außerdem durch eine Besonderheit aus. An diesem Kanal gibt es Ampeln:

Rio Novo, Ampel am Rio de Malcanton
Rio Novo,
Ampel am Rio de Malcanton


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1) "Venedig, beschrieben vom Bibliothekar Jäck zu Bamberg", Band 3 der "Reise nach Wien, Triest, Venedig, Verona und Innsbruck, im Sommer und Herbste 1821 von Jäck und Heller", Weimar, 1823.
Die Autoren waren der vormalige Zisterziensermönch und Stadtbibliothekar von Bamberg, Heinrich Joachim Jaeck (Bamberg, 1777 - 1847) und der Privatgelehrte und Kunstsammler
Joseph Heller (Bamberg, 1798 - 1849). Beide waren auch als Lokalhistoriker sehr produktiv.

2) Zu den erwähnten Ortsnamen: Tron und Orseolo sind die Namen venezianischer Patriziergeschlechter. Interessant ist die Bezeichnung "piavola". Wörterbücher des 17. und 18. Jahrhunderts verzeichnen das Wort "puavola" mit der Bedeutung Kleines Mädchen, Puppe, auch Modepuppe (abgeleitet vom lat. "pupa"). Die Ponte della Piavola bekam ihren Namen von den Schaufensterpuppen, die nach französischer Mode gekleidet unter den benachbarten Arkaden der Prokuratien ausgestellt waren.

3) "Il Vaglio - Giornale di Scienze, Lettere, Arti", 8. Jg. Nr. 19, 13, Mai 1843, p. 147 f.