Donnerstag, 20. April 2017

Vorsteher des Platzes


"Xe giazzà l'abate del campo"


Zwei Steinsorten prägen das Antlitz Venedigs: Der graue Trachyt aus den Euganeischen Hügeln und der weiße Marmor aus Istrien, der steinkundlich berachtet gar kein Marmor ist. Ich werde den istrischen Kalkstein aber weiter "Marmor" nennen.

Campo de Gheto Novo, Cannaregio
Campo de Gheto Novo, Cannaregio,
mit einer Inschrift, die ich noch entziffern muss.

Auf den meisten Plätzen der Stadt, vor den Kirchen und den Scuole, ragen aus den grauen Pflaster weiße marmorne Fahnenmasthalter empor. Manche mit und manche ohne den Fahnenmast. Von diesen Fahnenmasten flatterten an Festtagen die Banner der Kirchen und der Scuole. Diese Halterungen tragen in Venedig den Namen "abate del campo" - wobei das abate im Sinne von "Vorsteher" zu verstehen ist,. "Vorsteher des Platzes"also, weil sie auf den campi eine im Wortsinne hervorragende Stellung einnehmen.

Piscina del Cristo, Cannaregio
"Abate" vor der
Scuola del Santissimo Crocifisso bei der Kirche San Marcuola,
Piscina del Cristo, Cannaregio

Auf Burano heißen die Masthalter allerdings "standardo" (ital. stendardo). Hier hat sich der Begriff für das Banner am Mast auf den Sockel übertragen. Aber auf Burano ist ohnehin alles anders. Oder, wie Giacomo Filiasi in den "Memorie Storiche de' Veneti" schreibt (Bd. 3, Padua 1811): "I Buranelli in ciò potrebbero dirsi gli O-Taïti delle nostre lagune." ("Die Buranelli als solche könnte man die Tahitianer unserer Lagunen nennen"). Die Venezianer hielten die Bewohner der Insel der bunten Häuser also schon immer für etwas exotischer.

Masthalter auf Burano
Masthalter ("standardo") auf Burano
Piazza Baldassare Galuppi (genannt Il Buranello)
San Martino Destra.

Dargestellt sind zwei der Schutzheiligen der Insel.

Die Inschrift lautet:

"S. MARTIN      S. ALBANO

LAVS DEO
FV FATTA QVESTA OPERASIONE
NEL TEMPO CHE FV DEPVTATI
SIER TOMIO NOVELLO Q. SANTO
SIER ZVANE VITVRI Q. DOMENICO
SIER SANTO VIO Q. ANTONIO
ANNO 1737 LI 11 MAGIO"

Ins Italienische übertragen:

"San Martino      Sant'Albano
Lode a Dio
Quest'opera fu fatta
nel tempo, quando i deputati erano
Signor Tomio Novello Q[uartiere] Santo,
Signor Zuane [Giovanni] Vituri Q[uartiere] Domenico,
Signor Santo Vio Q[uartiere] Antonio.
Nel 1737 l'11 maggio"

"Gelobt sei Gott
Dieses Werk wurde getan
zu der Zeit, als die Abgeordneten waren:
.....
Im Jahre 1737 am 11. Mai"


Doch zurück zu unserem Gegenstand.

Einige der Abate tragen die Symbole einer Scuola, einer Bruderschaft oder eines geistlichen Ordens. Andere wurden in späterer Zeit mit Inschriften zur Erinnerung an historische Ereignisse versehen.

Campiello de la Chiesa (di San Francesco de la Vigna), Castello
Campiello de la Chiesa (di San Francesco de la Vigna), Castello

Die Inschrift lautet:

"1686
DELLA CONFRATERNITÀ
DELLE SACRE
STIMATE
SUFFRAGGIO
DE MORTI"

(Die Bruderschaft der Heiligen Wundmale
Fürbitte für die Verstorbenen)

Oben sieht man das Emblem der Franziskaner: Ein nackter Arm Christi und ein bekleideter Arm des Franz von Assisi mit den Wundmalen. Aus der Mitte der gekreuzten Arme erwächst das Kreuz.


Campo San Zanipolo,
Campo San Zanipolo,
(Santi Giovanni e Paolo), Castello

Das Akronym könnte "CSVP" bedeuten: Confraternità di San Vincenzo de' Paoli





Campo San Lio, Castello.

Die Inschrift lautet:

I LAVORANTI.
+
VESILLO
DELLA UNIONE
DELLE PISTORIE
DI PANE
DI VENEZIA
RESTITUITA
ALL'ITALIA
LI 30 OTTOBRE
1866

(Die Arbeitnehmer
+
Das Banner der Union der Brotbäckereien Venedigs ist nach Italien zurückgekehrt)

[Im Oktober 1866 schloss sich Venedig dem Königreich Italien an]


Ein paar Ausnahmen stechen insbesondere hervor. Da ist einmal der "Abate" auf dem Campo de la Guerra, bei dem es sich um einen zweckentfremdeten Grenzstein handelt (s. "Das Rätsel vom Campo de la Guerra" in diesem Blog).

Campo de la Guerra, San Marco
Campo de la Guerra, San Marco

Die zweite Ausnahme bildet der Fahnenmasthalter vor der Kirche des Allerheiligsten Erlösers, der Chiesa del Santissimo Redentore, auf der Giudecca. Dieser Mastsockel erinnert mit seiner dreiseitigen Beschriftung an eine "Heldentat" der Königlichen Italienischen Marine, die sogenannte "Beffa di Buccari" (die Verhöhnung von Buccari oder Bakar, wie der kroatische Ort heute heißt), die am 10. Februar 1918 just vor der Redentore-Kirche begann.

Campo del Santissimo Redentore, Giudecca
Campo del Santissimo Redentore, Giudecca

Zu dieser Säule und zur "Beffa" gibt es demnächst Näheres im Artikel "La Beffa di Buccari" in diesem Blog.

Aus dem üblichen Rahmen fallen aber auch der besonders aufwändig gestaltete "abate" auf dem Campo Santa Margarita und natürlich die drei bronzenen, vom venezianischen Münzmeister Alessandro Leopardi im Jahre 1505 entworfenen Flaggenmasthalter vor der Basilica di San Marco.

Canpo Santa Margarita, Dorsoduro
Campo Santa Margarita, Dorsoduro

Basilica di San Marco
Basilica di San Marco

Piazza San Marco
Der geflügelte Markuslöwe an der Basis von
einem der drei "pili" genannten Fahnenmasten
auf  der Piazza San Marco


Das am Anfang dieses Artikels stehende venezianische Sprichwort "Xe giazzà l'abate del campo" heißt soviel wie "Es ist so kalt, dass selbst der abate del campo gefriert". Zu Deutsch: "Es friert Stein und Bein" oder gänzlich unverblümt (weil auch die Venezianer es gerne etwas deftiger ausdrücken): "Da friert einem ja der Arsch ab".