Dienstag, 18. April 2017

Der schlafende Papst in der Calle del Perdon


Oft lohnt es sich in Venedig von ausgetretenen Pfaden abzuweichen. So manches entgeht sonst dem Touristen.

Der Normaltourist, der vom Campo San Polo kommend in Richtung Canal Grande flaniert, geht gewöhnlich durch die Calle de la Madoneta, überquert den Rio de San Polo auf der Ponte de la Madoneta, geht dann durch den Sotoportego de la Madoneta oder an ihm vorbei zum Campiello dei Meloni und erreicht schließlich den Rio dei Meloni, den er auf der Ponte Piano del Campiello dei Meloni überquert. Jetzt liegen vor ihm zwei Gassen. Die zur Rechten ist die Calle de Mezo, die zur Linken die parallel verlaufende Calle del Perdon. Folgt er den Wegweisern "PER RIALTO" und "PER S. MARCO", kommt er durch die Calle de Mezo zum Campo Sant'Aponal und verpasst ein Denkmal, das an den Frieden von Venedig zwischen dem Papst Alexander III. und dem Kaiser Friedrich Barbarossa erinnert und die einmalige Gelegenheit, ewigen Sündenerlass zu erwerben.

(Nähers zum Verhältnis zwischen Papst und Kaiser und zum Frieden von Venedig 1177 finden Sie reichlich im Netz, z.B. auch in einem Artikel aus dem Heft "SPIEGEL GESCHICHTE 3/2012").

Und, am Rande bemerkt, hat der besagte Normaltourist vermutlich auch keine Ahnung davon, dass er Commissario Brunettis TV-Dachterrasse gerade um nur 100m verfehlt hat. - Aber darüber demnächst mehr in einem anderen Beitrag.

Vom Campo San Polo zum Campo Sant'Aponal
gelb: der ausgeschilderte Weg,
grün: der "Umweg" durch die Calle del Perdon
(Kartenquelle: Sistema Informativo Territoriale del Comune di Venezia)

Wir folgen also der Calle del Perdon und treffen auf eine Verschwenkung der Gasse. Hier, an der rechten Seite, finden wir eine Nische mit einem Terracotta-Relief der Madonna und dem Jesuskind [roter Marker 2].
Solche religiösen Darstellungen in Nischen- oder Schrein- oder anderen Formen nennen die Venezianer "capitèlo" (und verschlucken beim Sprechen das "l", sagen also "capitèo"). Oft sind die "capitèli" (und im Plural wird das "l" gesprochen), so wie dieses hier, beleuchtet. Zu Zeiten, in denen es keine organisierte Straßenbeleuchtung gab,  war es auch Aufgabe der capitèli, den Gassen ein wenig Licht zu spenden.


Capitelo, Calle del Perdon, 2012
Zustand 2012

Capitelo, Calle del Perdon, 2016
Zustand 2016

An der Hausecke, links des capitèlo, ist in den istrischem Stein ein Kreuz gemeißelt, auf deren Bedeutung ich weiter unten zu sprechen komme.

Strahlenkreuz, Calle del Perdon, San Polo 1312
Strahlenkreuz, Calle del Perdon, San Polo 1312

Kurz bevor wir am Campo Sant'Aponal (Sankt Apollinaris) den Schatten der Calle gegen den prallen Sonnenschein auf dem Campo eintauschen könnten, sehen wir auf der linken Seite den Sotoportego zur Calle de la Madonna [roter Marker 1] (tatsächlich hat hier die letzte Straßennamen-Malaktion zugeschlagen und der Madonna, sehr zum Ärger aller echten Veneziani, einen ganz und gar un-venezianischen Doppelkonsonanten verpasst).

Unter dem Straßennamen hängt eine Holztafel mit der folgenden Inschrift:


ALESANDRO III SOMMO PONTEFICE FVGIENDO L'ARMI DI FEDRICO | INPERATORE VENENDO A VENETIA QVI RIPOSSO LA PRIMA NOTTE ET POI CONCESSE | INDVLGIENZA PERRPETVA IN QVESTO LOCCHO DICENDO VN PATER NOSTER ET | VNA AVE MARIA TIBI NON SIT GRAVE DICERE MATER AVE L'ANNO MCLXXVII | ET CON LA CARITA DI DEVOTI SI LUMINA GIORNO E NOTTE COME SI VEDE | RISTAURATO DA DIVOTI L'ANNO MDCCCXXX


Sotoportego e Calle de la Madona, San Polo
1177, Papst Alexander III. gewährt ewigen Ablass.
Sotoportego e Calle de la Madona, San Polo

In lesbares Italienisch und Deutsch übertragen lautet der Text:

"Alessandro III Sommo Pontefice, fuggendo l'armi di Federico Imperatore, venendo a Venezia, qui riposò la prima notte e poi concesse indulgenza perpetua in questo luogo per dire un Pater Noster e una Ave Maria. "Non tibi sit grave dicere Mater Ave" ("Non ti stancare di invocare Maria" / "Non ti sia di peso dire Ave Maria") nell'anno 1177. E con la carità di devoti si illumina giorno e notte, come si vede.
Ristaurato da devoti nell'anno 1830."

"Papst Alexander III., den Waffen des Kaisers Friedrich entfliehend, kam im Jahre 1177 nach Venedig und ruhte die erste Nacht an dieser Stelle und erteilte dann ewigen Ablass für das Sprechen eines Vaterunser und des Ave Maria. "Non tibi sit grave dicere Mater Ave" ("Lasse es Dir Keine Last sein, Maria zu grüßen").
Und aus Liebe der Frommen ist es, wie man sehen kann, Tag und Nacht beleuchtet.
Im Jahre 1830 von frommen Anhängern restauriert."

Gleich links im Sotoportego steht ein capitèlo in Schreinform. Und in diesem Schrein, unten links in die Ecke sehen wir ihn endlich, den schlafenden Papst Alexander III.:

Capitèlo im Sotoportego de la Madona
Capitèlo im Sotoportego de la Madona

Capitelo im Sotoportego de la Madona
Alexander III., der schlafende Papst

An der linken Einfassung des Sotoportego finden wir auch hier ein Kreuz:

Strahlenkreuz am Sotoportego de la Madona
Strahlenkreuz am Sotoportego de la Madona

Und was hat es mit den beiden Kreuzen auf sich? Nun, nach der Überlieferung und der Überzeugung der Veneziani markieren die beiden Kreuze Anfang und Ende der eigentlichen Gasse der Vergebung - der Calle del Perdon. Ewige Vergebung der Sünden erlangt nur, wer ein Vaterunser und ein Ave Maria zwischen den Kreuzen betet. Davor und danach gilt nicht!

Giuseppe Tassini, der ein umfangreiches Werk über die Bedeutung der venezianischen Straßennamen verfasst hat (Curiosità Veneziane - Ovvero: Origini delle denominazioni stradali di Venezia, Erstauflage 1863, Venedig), schreibt über die Calle del Perdon:

"Perdon (Calle del, Corte del) bei Sankt Apollinaris. Der Name entspringt der Tradition, dass im nahe gelegenen, nach der Madonna benannten Sottoportico ein der Jungfrau gewidmeter Schrein steht, wo Papst Alexander III., der Verfolgung durch Barbarossa entfliehend, die erste Nacht, in der er nach Venedig kam, ruhte und denen ewige Sündenvergebung gewährte, die hier ein Vaterunser und ein Ave Maria rezitieren. Die Erinnerung an diese Überlieferung wird in Holz geschnitten über dem Eingang zum Sottoportico bewahrt
In Bezug darauf bemerken wir mit Cicogna [Emmanuele Antonio Cicogna, Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 1-6, Venedig 1824-1853], das die Ankunft Alexander III. 1177 in Venedig unbestritten ist und das mehrere Autoren berichten, dass dieser Papst inkognito kam. Aber keiner berichtet, dass er die erste Nacht bei Sankt Apollinaris verbrachte, sondern eher die Tatsache unterstützen, dass es die Vorhalle von San Salvatore war.
Es scheint daher, dass die Überlieferung in das Reich der Fabeln gehört."

Schließlich möchte ich hier noch, nach veneziamuseo.it, einen Satz aus der fiktiven "Cronacheta de Sior Antonio Rioba" zitieren:

"Me piaxe tanto anca el fato de poder aver indulgensa recitando qua un pater e un'ave Maria, xe comodo, vara tì che fortuna che gavemo, no ne serve 'ndar fin Roma par eser perdonai, basta far quatro passi par la cale del … perdon !"

Was in italienischer Sprache ungefähr so lautet:
"Mi piace molto anche il fatto che si possa ricevere l'assoluzione lì, recitando un Padre Nostro e un'Ave Maria. Questo è conveniente, siamo molto fortunati che non è necessario andare a Roma per ricevere il perdono. È sufficiente andare quattro passi alla Calle del ... Perdon!"

 Und auf Deutsch so:
"Mir gefällt auch sehr die Tatsache, dass man dort, um Sündenerlass zu erhalten, ein Vaterunser und ein Ave Maria rezitiert. Das ist bequem. Wir haben wahrlich Glück, dass wir nicht bis Rom gehen müssen, um Vergebung zu erhalten.  Es genügen einfach vier Schritte zur Calle del ... Perdon!"