Freitag, 13. Juni 2014

Galeerenstrafe für Spieler


Am Turm der Kirche Ognissanti im Sestiere Dorsoduro, ist eine der Tafeln angebracht, die man allenthalben in Venedig findet und auf der Gebote, Verbote und Strafandrohungen in Stein gemeißelt sind.

Der Gebotsstein an der Kirche Ognissanti, © 2014 by Gunther H.G. Geick
Der Gebotsstein am Turm der Kirche Ognissanti



Die Geschichte von Ognissanti begann im Jahre 1046 als der Doge Orso Badoer dem Giovanni Trono von Mazzorbo das Recht gewährte, auf dem Inselchen San Giacomo in Paludo einen Konvent zu gründen um Pilger und Reisende zu beherbergen. Dieser Konvent war San Giacomo Maggiore gewidmet. Im 12. Jahrhundert gingen Insel und Konvent auf Zisterziensernonnen über, die San Giacomo in Paludo 1440 verließen und nach Torcello in den Konvent Santa Margherita übersiedelten. Im selben Jahrhundert verließen die Nonnen auch Torcello und gründeten den Zisterzienserinnen-Konvent am heutigen Standort. Die jetzige Kirche Ognissanti („Chiesa di Ogni Santi“) wurde im 16. Jahrhundert errichtet und 1586 geweiht. Aufgrund der napoleonischen Edikte wurde der Konvent 1807 aufgelöst und seiner Kunstschätze beraubt. Nach einem Zwischenspiel als Mädchenschule wurde auf Initiative des ersten frei gewählten Bürgermeisters von Venedig, (Giobatta Giustinian, Giovanni Battista oder Giambattista Giustinian; Venedig 1816 bis 1888, Bürgermeister 1866-68 und 1877/78) aus dem Konvent die später nach ihm benannte Altenpflegeeinrichtung und „Ospedale Geriatrico G.B. Giustinian“. Das Ospedale ist zwar geschlossen, ist aber weiterhin Sitz des Distretto 1 der „Azienda ULSS 12 Veneziana“ (Unità Locali Socio Sanitaria). Eine Zeit lang waren auch Einrichtungen der Università Ca‘ Foscari im ex Ospedale untergebracht.

Chiesa di Ognissanti, Venezia Photo: Didier Descouens
Chiesa di Ognissanti, Venezia
Photo: Didier Descouens,
Quelle: http://it.wikipedia.org/wiki/File:Chiesa_di_Ognissanti_-_Venezia.jpg
(Creative Commons Attribuzione-Condividi allo stesso modo 3.0 Unported)


Zweierlei unterscheidet die Steintafel am Campanile der Kirche Ognissanti von anderen Verbotstafeln. Zum einen fehlt die Standard-Einführungsfloskel „Il Principe fa saper“ – stattdessen beginnt der Text mit der Abkürzung „L.D.S.“, was für das lateinische "laus deo semper" steht. („Lode a Dio sempre“ bzw. „Gelobt sei Gott allezeit“). Zum anderen nennt die Tafel ungewöhnlicherweise nur einen einzigen verbotenen Sachverhalt, nämlich „li giochi“ – Spiele. Die angedrohten Strafen sind dafür genauso drastisch, wie auf anderen Tafeln, nämlich Verbannung, Galeere, Gefängnis und 150 Lire piccole (die venezianische Kursmünze der Zeit), die zwischen Anzeigendem und Verhaftendem zu teilen waren.

Die Tafel ist datiert vom 22. Februar 1610. Galeerenstrafen gab es in Venedig da seit gut 60 Jahren. Vorher war die Zahl der Freiwilligen und die Anzahl der von den Contraden zu stellenden Galeerenruderern offenbar ausreichend, um Kriegsgaleeren zu bemannen – und nur um die ging es hier, denn Handelsgaleeren wurden nur von bezahlten Männern gerudert, die sogar das Recht hatten, auf eigene Rechnung Waren einzuhandeln. Übrigens bekamen die Seenationen wie Venedig und Genua ihren Nachschub an Galeerensträflingen auch aus dem Ausland. Selbst eher meeresferne Länder wie die Schweiz oder Österreich verurteilten Verbrecher zur Galeere und verkauften diese dann an seefahrende Staaten. Galeerenstrafen waren in der Regel zeitlich befristet, die Überlebensrate war allerdings zu Kriegszeiten nicht besonders hoch. In Friedenszeiten bedeutete Galeerenstrafe schlicht Zwangsarbeit.

Hölzernes Modell einer venezianischen GaleerePhoto: Myriam Thyes
Hölzernes Modell einer venezianischen Galeere im Museo Storico Navale di Venezia,
Photo: Myriam Thyes,
Quelle: http://it.wikipedia.org/wiki/File:Venice_galley_rowing_alla_sensile1.jpg
(pubblico dominio)


Über eine von vielen Verurteilungen zur Galeere berichtet Riccardo Calimani in seinem Buch über die Inquisition in Venedig. 1549 wurde ein gewisser Francesco Olivier, offenbar ein getaufter sephardischer Jude aus Lissabon, ein sogenannter „marrano“, zur Galeere verurteilt, weil Zeugen aussagten, er hätte im Ghetto wie ein Jude gekleidet (nämlich u.a. mit dem für Juden vorgeschriebenen gelben Hut) als ein Jude, nach jüdischen Riten und Bräuchen gelebt. Sein Urteil lautete:

„… verurteilen ihn an den Rudern der Galeeren der Serenissima für vier Jahre zu dienen und danach auf ewig verbannt zu sein aus Venedig und aus allen Gebieten der venezianischen Herrschaft sei es zu Lande oder zur See. Und sollte er versuchen, der Galeere zu entfliehen oder später die Verbannung zu brechen, so soll er durch den Gerichtsdiener des Rialto in San Marco ausgepeitscht und vierfach gebrandmarkt werden zwischen den Säulen von Marco und Todaro auf der Mole auf der Piazzetta von San Marco und danach zum Dienst auf den Galeeren zurückkehren.“

[“… lo condanniamo a servire al remo delle galere della Serenissima per quattro anni e poi sia bandito in perpetuo da Venezia e dai territori tutti del Dominio Veneto sia per terra che per mare. E se tentasse di fuggire dalle galere o poi di rompere il bando, sia frustato dal ministro della giustizia da Rialto a San Marco e bollato di quattro bolle tra le colonne di Marco e Todaro sul molo nella piazzetta di San Marco e poi torni a servire nelle galere.“]

Doch zurück zu unserer Tafel. Die Umschrift lautet:


L . D . S .
In qvesto Campiello et nella Corte qvi vicina
delli Parlatorii sono prohibiti li giochi
qvali si siano per deliberatione delli
EccMI sigRI Essecvtori contra la biastema
con pena di bando gallea et preggioni
et altre pene ad arbitrio et anco de
lire cento & cinqvanta de picoli fra
L accusator et
captor
Data il XXII febraro M.D.C.X.
D. Nicolo Ferro )   Essecvtori
D. Zorzi Foscarini )   contra la
D. Vidal Lando )   biastema eletti
D. Antonio Barbaro )   dall EccMO
)   ConsO di X

Auf Italienisch etwa:
„Lode a Dio sempre / In questo campiello e nella corte qui vicina / dei parlatori sono proibiti i giochi / con deliberazione dei / eccellentissimi signori esecutori contro la bestemmia / con la pena del bando, galera e prigione / ed altre pene arbitrarie e anche / lire piccole centocinquanta / fra l'accusatore e / catturatore / Data il 22 febbraio 1610 / Sig. Nicolò Ferro, Sig. Zorzi [Giorgio] Foscarini, Sig. Vidal [Vitale] Lando, Sig. Antonio Barbaro / Essecutori contra la Bestemmia, eletti dal Eccellentissimo Consiglio dei Dieci”

Deutsche Übersetzung:
„Gelobt sei Gott allezeit / Auf diesem Plätzchen und hier im Hof nahe / der Parlatorien ist das Spielen verboten / nach Beschluss der / ausgezeichnetsten Herren Vollstrecker gegen Blasphemie / bei Strafe der Verbannung, der Galeere und Gefängnis / und anderer willkürlicher Strafen außerdem / 150 kleine Lire / [zu teilen] zwischen Verkläger und Fänger / Gegeben am 22. Februar 1610 / … / Vollstrecker gegen Blasphemie, erwählt durch den Ausgezeichnetsten Rat der Zehn“

Anmerkungen:
Parlatorien sind die Räume eines Klosters, in denen, zeitlich beschränkt, die Mönche und Nonnen von ihren Schweigegelübden entbunden sind – also die Sprechzimmer.
Die Herren Exekutoren gegen die Gotteslästerung – die „esecutori contra la bestemmia“ oder später in veneziano auch „Esecutori contra la biastema“ war der Titel von vier Patriziern, die auch den weltlichen Arm der Inquisition – „Consiglio del Sant’Uffizio“ - in Venedig bildeten und unter anderem auch für die Beaufsichtigung des ältesten Gewerbes der Welt zuständig waren.
Der Rat der Zehn, das Consiglio dei Dieci, war oberstes Polizei- und Gerichtsorgan der Serenissima und zeitweise, im 15. und 16. Jahrhunderts, die mächtigste Institution der Republik überhaupt.



Quellen:
de.wikipedia.org/wiki/Parlatorium
en.wikipedia.org/wiki/Parlour
it.wikipedia.org/wiki/Consiglio_dei_Dieci
it.wikipedia.org/wiki/Esecutori_contro_la_Bestemmia
it.wikipedia.org/wiki/Chiesa_di_Ognissanti_(Venezia)
www.churchesofvenice.co.uk/dorsoduro.htm#ognissanti
sit.comune.venezia.it/cartanet/website/Laguna-isole-minori/B2-2/Fascicoli13-23.pdf
Giuseppe Boerio, Dizionario del Dialetto Veneziano, Venezia 1867
Riccardo Calimani, L’Inquisizione a Venezia, Milano 2002



































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