Donnerstag, 30. Mai 2013

Venezianische Toponymie (5) - Riva


Der Begriff „riva“ (f,sg / pl: rive = Küste, Ufer) wird nur für einige Uferstraßen am Canal Grande und am Bacino di San Marco verwendet. Rive waren die Kais, an denen die Handelsschiffe lagen und be- oder entladen wurden. Aus diesem Grund sind die „rive“ breiter als die gewöhnlichen „fondamente“ und sie sind immer zum Kanal hin offen.
Rive am Canal Grande
Am Canal Grande finden sich die
  • Riva de Biasio in Santa Croce,

  • Riva del Carbon und

  • Riva del Ferro in San Marco an der Rialtobrücke.

  • Die Riva del Vin ebenfalls an der Rialtobrück in San Polo und

  • die Riva de l’Ogio an der Pescaria in San Polo.



Die Namen der „rive“ in San Polo und San Marco erklären sich durch die Waren, die dort geladen, gelöscht oder gehandelt wurden (carbon = Holzkohle, ferro = Eisen und andere Metalle, vin = Wein, ogio / oglio / olio = Öl).
An der Riva del Ferro - Photo by Gunther H.G. Geick
An der Riva del Ferro

Die Herkunft des Namens der Riva de Biasio (Biasio / Biagio = Blasius, vom lateinischen Adjektiv „blaesus“ das „lispeln“ oder „stottern“ bedeutet) wird gewöhnlich mit der Erzählung über Venedigs ersten Serienmörder erklärt:1)

Biagio Cargnico, genannt Biasio, war ein Luganegher (d.h., ein Metzger, der Würste herstellt und kleine verzehrfertige Gerichte, insbesondere Eintopfgerichte verkauft), der seine Bottega in der Gegend hatte, die heute nach ihm benannt ist.
Eines der Gerichte, die Biasio zubereitete und verkaufte war „lo sguazzetto“, ein Eintopf mit Fleischeinlage. Eines Tages fand ein Arbeiter in seinem Napf sguazzetto Teile menschlicher Fingerglieder und Fingernägel und fand so die Erklärung für die vielen Kinder, die in der Nachbarschaft verschwunden waren.
Biasio wurde verhaftet und an ein Pferd gebunden zum Gefängnis geschleift, wo er seine Taten gestand. Danach wurden im die Hände abgehackt und anschließend vierteilte man ihn. Sein Haus wurde dem Erdboden gleichgemacht, aber die Riva, an der es stand, nannten die Menschen nun „Riva de Biasio“.

Rive am Bacino di San Marco - Photo by Gunther H.G. Geick
Die "rive" am Bacino di San Marco


Rive am Bacino di San Marco
Das Bacino di San Marco wird im Sestiere Castello zwischen der Ponte de la Pagia und dem Rio dei Giardini - Biennale, der die Insel Sant’Elena vom Rest Castellos trennt, auf einer Länge von 1,5 Kilometern von den folgenden „rive“ begleitet:
  • Riva dei Schiavoni heißt das Ufer zwischen der Ponte de la Pagia und der Ponte Ca‘ di Dio.
    Der Name leitet sich von den Bewohnern Dalmatien und Istriens her. Für Venezianer warenm sie alle Schiavoni (Slawen). Hier ankerten hauptsächlich die Schiffe, die aus der östlichen Adria kamen.

  • Riva de la Ca‘ di Dio heißt der Abschnitt bis zur Ponte San Biasio. Hier liegt das Ospissio de la Ca' de Dio.

  • Die Riva San Biasio verdankt ihren Namen der gleichnamigen Marine-Kirche, die an diesem Ufer liegt.

  • Es folgt die Riva dei Sette Martiri, die zwischen der Ponte San Biasio und der Ponte de la Veneta Marina liegt. Diese Bezeichnung ist neueren Datums und bezieht sich auf sieben Männer, die hier von der deutschen Besatzungsmacht erschossen wurden.2)

  • Die Riva dei Partigiani, die sich von der Ponte dei Sette Martiri bis zum Rio dei Giardini - Biennale hinzieht, verdankt ihren Namen ebenfalls der neueren Geschichte. Sie ist benannt nach dem „Monumento alla Partigiana Veneta“ von Augusto Murer.3)


Die beiden letzten Uferabschnitte wurden unter Mussolini in den Jahren 1930 bis 1941 in der heutigen Form angelegt und trugen ursprünglich den Namen Riva dell’Impero.
Es gibt in Venedig auch drei Ortsnamen, die durch den Diminutiv von „riva“, nämlich „rivetta“ bezeichnet sind: die Rivetta in Castello 5057, südlich des Campo San Lorenzo zwischen der Ponte San Lorenzo und dem Sotoportego Rivetta und in San Polo gibt es eine Calle Rivetta.

Die Fondamente und Rive auf einen Blick:

Fondamente und Rive auf einer größeren Karte anzeigen
Quellen und Links:
1) http://digilander.libero.it/venexian/ita/biasio.htm
2) http://it.wikipedia.org/wiki/Riva_dei_Sette_Martiri
Zusammenfassung:
Nach dem Verschwinden eines deutschen Soldaten (der, wie sich später herausstellte, alkoholisiert ins Wasser fiel und ertrank), wurden am Morgen des 3. August 1944 sieben Häftlinge aus dem Gefängnis Santa Maria Maggiore als Vergeltungsmaßnahme direkt am Fuße der Ponte de la Veneta Marina erschossen. Vor der Erschießung trieben die deutschen Truppen mehr als 500 Bewohner Castellos zusammen und zwangen sie, der Exekution beizuwohnen. Zur Abschreckung wurden die Leichen der Erschossenen mehrere Tage lang unter Bewachung durch deutsche Soldaten ausgestellt. Mit dem Ende des faschistischen Regimes und der Errichtung der Italienischen Republik änderte die Stadt Venedig den Namen der Riva zur Erinnerung an diese Episode.
Die sieben Gefangenen waren: Aliprando Armellini, 24 J., aus Vercelli (Partisan); Gino Conti, 46 J., aus Cavarzere (Partisan); Bruno De Gasperi, 20 J. die Brüder Alfredo und Luciano Gelmi, 20 bzw. 19 J., aus Trento (Kriegsdienstverweigerer); Girolamo Guasto, 25 J., aus Agrigento; Alfredo Vivian, 36 J., aus Venedig (Partisanen-Kommandant).
3) http://www.veneziasi.it/content/view/?id=2177&Itemid=537&lang=it


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