Donnerstag, 30. Mai 2013

Venezianische Toponymie (4) - Fondamenta


Rio dei Carmini - Santa Margherita, Ponte de la Cavana de l'Enel an der Fondamenta Foscarini - Photo by Gunther H.G. Geick
Rio dei Carmini -
Santa Margherita,
Ponte de la Cavana
de l'Enel an der
Fondamenta Foscarini
Fondamente (f,pl / sg: fondamenta) heißen in Venedig die begehbaren Ufer der Kanäle. Im Gegensatz zu der oft zu findenden Meinung, diese Bezeichnung käme daher, dass die Uferwege auf den Fundamenten der Palazzi lägen, unterscheidet Giuseppe Boerio in seinem „Dizionario del Dialetto Veneziano“1) zwischen „fondamenta“ und „fondamento“ und schreibt letzterem die Bedeutung „Fundament eines Gebäudes etc.“ zu während ersteres ausschließlich die Wege meint.
Auch im Italienischen gibt es einen Unterschied zwischen dem männlichen Substantiv „fondamento / fondamenti“ im Sinne von Gebäudefundament und in der figurativen Bedeutung. und dem weiblichen Plural-Substantiv „fondamenta“, zu dem es keinen Singular gibt, in der eigentlichen Bedeutung „die Fundamente“.2) Den Plural „fondamente“ gibt es nur im venezianischen Dialekt (ob auch in anderen Dialekten, entzieht sich meiner Kenntnis).
Boerio beruft sich auf Giambattista Gallicciollis 1795 in Venedig erschienenes Werk „Delle Memorie Venete Antiche, Profane ed Ecclesiastiche“,3) der schreibt, das in alten Urkunden im Zusammenhang mit den befestigten Ufern die lateinischen Begriffe „iunctura“ (Verbindung) und „fundamentum“ bzw. „fundus“ (Unterbau, Grundlage bzw. Grund, Boden) verwendet wurden. Gallicciolli schreibt weiter, die Venezianer hätten das lateinische Verb „iungere“ (verbinden, vereinigen, zusammenfügen) mit dem italienischen „approdare“ (anlegen, anlanden) gleichgesetzt und begründet damit, dass die Kanalufer, an denen man mit Booten anlegen konnte, „fondamenta“ genannt werden.
Ursprünglich waren die Kanalufer mit Reisiggeflecht, später mit Holzbohlen und schließlich mit Steinen befestigt.
Das nicht die Fundamente der Häuser zur Anlage von Uferwegen benutzt wurden, erschließt sich m.E. auch daraus, dass viele „fondamente“ erst im 16. und 17. Jahrhundert angelegt wurden. Gallicciolli führt eine ganze Liste von Dekreten der Serenissima aus dieser Zeit auf, in denen der Bau der Fondamente befohlen wird. Ich nehme nicht an, dass die Fundamente der Palazzi schon von vorn herein größer angelegt waren, als es für die Bauten selbst erforderlich gewesen wäre. Ich denke eher, dass die Bezeichnung „fondamenta“ schlicht daher rührt, dass für die befestigten Kanalufer Fundamente geschaffen werden mussten.
Neben den „fondamente“, die fast an jeden Rio zu finden sind, gibt es im Sestiere Castello vier sehr kurze Uferwege, die nach dem Diminutiv „fondamentina“ benannt sind.4)
Riva am Rio di San Trovaso, Campiello del Magazen, Dorsoduro - Photo by Gunther H.G. Geick
Riva am Rio di San Trovaso, Campiello del Magazen, Dorsoduro
Viele „fondamente“, insbesondere die schmaleren, sind zum Rio hin von Metallgeländern oder Ziegelmauern begrenzt. Diese Begrenzungen werden in Abständen von Treppen unterbrochen, die ins Wasser des Rio führen und dem bequemeren Ein- und Ausladen dienen. Diese Treppen werden „rive“ genannt.
Die bekanntesten „fondamente“ sind wahrscheinlich Fondamente de le Zattere in Dorsoduro am Giudecca-Kanal und die Fondamente Nove im Norden des Centro Storico in den Sestieri Cannaregio und Castello.

Fondamente de le Zattere
Die „Zattere“ erstrecken sich über fast 1,5 Kilometer entlang des Giudecca-Kanals von der Ponte Molin bei San Basegio bis zur Punta de la Dogana. Dabei ändern die Fondamente mehrmals den Namen.
Die Abschnitte heißen beginnend an der Ponte Molin: Fondamenta de le Zattere al Ponte Longo, ai Gesuati, ai Incurabili, al Spirito Santo und ai Saloni.
Fondamenta de le Zattere al Ponte Longo - Photo by Gunther H.G. Geick
Fondamenta de le Zattere al Ponte Longo

  • Fondamenta de le Zattere al Ponte Longo
    Der erste Abschnitt reicht von der Ponte Molin bis zur Ponte Longo.
  • Fondamenta de le Zattere ai Gesuati
    Auf dem nächsten Teilstück befinden sich die Kirchen Santa Maria della Visitazione (auch „degli Artigianelli“ genannt) und Santa Maria del Rosario, gemeinhin als „Chiesa dei Gesuati“ bekannt.
  • Fondamenta de le Zattere ai Incurabili
    Dieser Abschnitt wird begrenzt von den Brücken Ponte de la Calcina und Ponte ai Incurabili. Das namengebende Ospedale degli Incurabili liegt östlich dieses Abschnitts an der Fondamenta de le Zattere al Spirito Santo.
  • Fondamenta de le Zattere al Spirito Santo
    Im Bereich zwischen der Ponte ai Incurabili und der Ponte de l’Umiltà liegt die Kirche zum HeiligenGeist (Chiesa dello Spirito Santo).
  • Fondamenta de le Zattere ai Saloni
    Die Magazzini del Sale, die am letzten Abschnitt, der Fondamenta de le Zattere ai Saloni liegen, werden auch „saloni“ genannt. Die Fondamenta hat wohl daher auch ihren heutigen Namen.
    Im Zusammenhang mit dem Rio dei Saloni führt Gallicciolli an, dass dieser seinen Namen von einer Familie Dalle Fornaci mit dem Beinamen Saloni hätte und nicht von den Salzmagazinen, welche auch erst in neuerer Zeit (Gallicciolls Werk erschien 1795) errichtet worden wären.

Die Herkunft der Bezeichnung „zattere“ wird unterschiedlich erklärt. Zunächst einmal bedeutet „zattere“ im Italienischen und im Veneziano schlicht „Floß“. Die italienische Wikipedia bietet zwei Herkunftsvarianten an:
Zum Ersten sollen sich an diesem Ufer im Jahre 810 französische Truppen unter Pippin und die Venezianer eine „Seeschlacht“ geliefert haben, während der die Venezianer den Sieg davontrugen, weil sie mit flachen Booten, eben Flößen = zattere, in den flachen Gewässern der Lagune besser manövrieren konnten
Die zweite Erklärung, die Wikipedia-IT5) anbietet, ist die, dass das Salz, das in den Magazzini del Sale gelagert wurde, mit Flößen herangeführt wurde.
Gallicciolli schreibt, dass Teile des Canale delle Zattere (des heutigen Giudecca-Kanals) Canal del Marani hießen und früher Carbonaria genannt worden wären, weil dort die Flöße mit carbone = Holzkohle angelandet seien. Mir scheint die Sache doch viel einfacher zu sein. Hier, am Ufer, das den Flüssen der Terraferma am nächsten lag wurden die Flöße angelandet, die Holz für den Haus- und Schiffbau brachten. Wie auch Giuseppe Boerio in seinem 1829 erschienenen Dizionario schreibt, dass dies auch zu seiner Zeit der Fall war („come v’approdano in parte presentemente“).

Fondamente Nove
Die Fondamente Nove finden sich im Norden des Centro Storico gegenüber der Friedhofsinsel San Michele. Die erste Anlage von steinernen Uferbefestigungen ordnete die Serenissima in einem Dekret vom 12. Februar 1589 an.
Blick von den Fondamente Nove auf die Friedhofsinsel San  Michele - Photo by Gunther H.G. Geick
Blick von den Fondamente Nove auf die Friedhofsinsel San  Michele
Die Fondamente Nove sind nicht ganz einen Kilometer lang, überqueren die rii dei Gesuiti, della Panada – Erbe, dei Mendicanti und di Santa Giustina. An diesem letzten Abschnitt liegt das Ospedale Civile Santi Giovanni e Paolo. Die Fondamente verbinden die Sestieri Cannaregio und Castello, deren „Grenzfluss“ der Rio dei Mendicanti ist.
Nach einem Unwetter, das am 20. Dezember 1766 den Norden Venedigs und die Uferbefestigungen zerstörte, mussten die Fondamente neu errichtet werden. Seitdem tragen sie den Namen Fondamente Nove (also „fondamente nuove“ = neue Fundamente).6)

Die Fondamente und Rive auf einen Blick:

Fondamente und Rive auf einer größeren Karte anzeigen

Quellen und Links:
1) Giuseppe Boerio, Dizionario del Dialetto Veneziano, Venezia 1829 (auch als eBook bei GoogleBooks: http://books.google.de/books?id=kKI_AAAAMAAJ)
2) z.B. http://www.treccani.it/vocabolario/tag/fondamenta/ (man findet aber auch die gegenteilige Ansicht, nach der „fondamenta“ figurativ zu verstehen sei)
3) Giambattista (Giovanni Battista) Gallicciolli, Delle Memorie Venete Antiche Profane ed Ecclesiastiche, Tomo I, Venezia 1795 (auch als eBook bei GoogleBooks: http://books.google.de/books/?id=VMxDAAAAYAAJ)
4) Das Nuovo Stradario del Centro Storico Veneziano führt folgende “fondamentine” auf: Fondamentina de l'Osmarin, Castello 4981B – 4986; Fondamentina, Castello 1827 - 1832, Nordseite Ende der Via Garibaldi bis Ponte Novo; Fondamentina, Castello 6451/C – Rio di San Giovanni Laterano, Ponte Muazzo; Fondamentina, Castello 4086 – 4088 – Ponte Ca’ di Dio, Rio della Ca’ di Dio
5) http://it.wikipedia.org/wiki/Fondamenta_delle_Zattere
6) http://it.wikipedia.org/wiki/Fondamente_Nove

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