Donnerstag, 14. März 2013

Venezianische Toponymie (3)

 
Campo
Das Straßenverzeichnis der Stadt Venedig 1) verzeichnet in den Kategorien "campo", "campiello" und "campazzo" 313 Einträge.
Campo San Polo, Photo by Gunther H.G. Geick
Campo San Polo, der größte Platz Venedigs
(die Piazza San Marco ist zwar größer, aber eben kein campo)

In Venedig ist ein "campo" das, was anderswo in Italien gewöhnlich "piazza", also "Platz" genannt wird. In Venedig gebührt die Bezeichnung piazza ausschließlich der Piazza San Marco. (So wie übrigens ursprünglich auch nur einem Gebäude das Prädikat "Palazzo" zukam, nämlich dem Dogenpalast, dem Palazzo Ducale. Alle anderen patrizischen Häuser wurden Ca' oder Casa genannt.)



Corte Bagolaro, Photo by Gunther H.G. Geick
Corte Bagolaro, Cannaregio,
zwar dem Namen nach kein Campo, aber so sahen sie wohl ohne Pflasterung aus

Das italienische Wort "campo" (m, sg. - pl. "campi") bedeutet "Feld" oder "Acker", und genau das waren die campi auch: Grünflächen, die als Weide für Pferde, Kühe und andere Nutztiere dienten und vielleicht auch zum Anbau von Gartenfrüchten.
Campo San Cosmo, Photo by Gunther H.G. Geick
Campo San Cosmo auf der Giudecca,
einer der wenigen ungepflasterten campi

Die campi an den Kirchen wurden oft auch als Friedhöfe genutzt (wie z.B. der Campo Santo an der Kirche San Simeon Grande in Santa Croce, dessen Name schon auf seine Funktion als Begräbnisstätte hinweist).
Erst unter der zweiten Napoleonischen Besetzung wurden Begräbnisse in der Stadt verboten und 1807 die Insel San Cristoforo della Pace zur Friedhofsinsel gemacht. 1837, jetzt wieder unter Österreichs Herrschaft, wurde diese Insel durch Zuschütten des dazwischen liegenden Kanals mit der Insel San Michele verbunden und erhielt ihre momentane Gestalt (die gerade wieder durch Aufschüttungen eine Veränderung erfährt).
Campo Junghans, Photo by Gunther H.G. Geick
Campo Junghans, Giudecca,
einer der zeitgenössischen campi Venedigs


Ab dem 13. Jahrhundert begann man die campi zu pflastern und sie mit Zisternen und Vere da Pozzo, den typischen venezianischen Brunnenköpfen auszustatten um die Anwohner mit Wasser zu versorgen.
Campiello
ist das venezianische Diminutiv von "campo", also ein "Plätzchen".
Campiello Santa Marina, Photo by Gunther H.G. Geick
Campiello Santa Marina mit Vera da Pozzo, Cannaregio

Campazzo
Eigentlich deutet das "-azzo" auf den Augmentativ (wie in "canalazzo" - "großer Kanal" oder "campanazza" - "große Glocke"), aber die vier campazzi, die es in Venedig gibt, sind keinesfalls große, sondern eher kleine Plätze. Leider gibt in diesem Fall auch der Boerio 2) keine Auskunft.
Campazzo Treponti, Santa Croce,
hier findet wöchentlich ein "Mercato dell'Altraeconomia" statt


 



 
Chiovere
Gewöhnlich wird der Begriff "chivovere" bzw. das Diminutiv "chioverete" davon hergeleitet, dass auf abgeschlossenen Grasflächen (lat. "claudere" - schließen, davon "clolderiae" und "chiovere") die Wolltücher, die durch das Waschen und Färben geschrumpft waren, wieder in Form gebracht wurden.
Alte Dokumente sprechen davon, das in "laboreria clauderiarum" die "tiratores pannorum ad cloldarias" 3) arbeiteten; also ungefähr: "in geschlossenen Arbeitsstätten arbeiten Tuchzieher".
Die Wolltücher wurden dazu mit Hilfe von Nadeln oder Nägeln (ital. "chiovi" oder "chiodi") auf Rahmen gespannt und zum Trocken aufgestellt.
Mir scheint es wesentlich wahrscheinlicher, dass der Name für solche Plätze "chiovere" von "chiovi" abgeleitet ist. Eine Erklärung, die auch Tassini vorzieht. 4)
 



 
Corte
In die Kategorien "corte" und "cortesela" des Straßenverzeichnisses fallen 390 Einträge. "Corti" (f, pl. - sg. "corte") sind Innenhöfe, die auf allen Seiten von Häusern umgeben sind und gewöhnlich nur einen landseitigen Zugang und eventuell einen Zugang zu einem Kanal oder Rio haben.
Corte del Sabbion, Photo by Gunther H.G. Geick
Corte del Sabbion, Dorsoduro
Blickrichtung Rio Terà San Vio
 
Corte del Sabbion, Photo by Gunther H.G. Geick
Corte del Sabbion, Dorsoduro
Blickrichtung Fondamenta Zorzi o Bragadin detta de l'Ospedaletto

Es gibt aber auch etliche Ausnahmen, wie z.B. den Corte Nova in Castello, der eher nach einer calle aussieht, und es gibt Plätze, die zwar nicht corte heißen, aber alle Merkmale eines Hofes haben, wie z.B. der Hof des Volto Santo in Cannaregio. Oft haben die "corti" auch einen oder zwei Vere da Pozzo.
Volto Santo, Photo by Gunther H.G. Geick
Volto Santo, Cannaregio.
Hof des Hospizes und des Versammlungshauses der
"Schule der Nation der Lucchesi", der aus Lucca im 14. Jh.
geflüchteten Seidenhandwerker und -kaufleute.

"Cortesela" ist der venezianische Diminutiv von "corte", also ein "Höfchen" oder "Höflein".
Campiello del Curmis, Photo by Gunther H.G. Geick
Campiello del Curnis, San Polo
Corte de le Scale, Photo by Gunther H.G. Geick
Corte de le Scale, San Polo

 
Quellen und Anmerkungen
1) "Stradario del Centro Storico Veneziano" vom Juni 2012
2) Giuseppe Boerio, "Dizionario del Dialetto Veneziano", Venezia 1856
3) G. Monticolo, E. Besta, "I capitolari delle Arti veneziane ...", Roma 1905, p. 467
4) Giuseppe Tassini, "Curiosità Veneziane", Venezia 1863

 

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