Sonntag, 10. März 2013

Venezianische Toponymie (2)

 
Borgoloco
zusammengesetzt aus „borgo“ - „Dorf“, „Ortsteil“ und „loco“ („luogo“) - „Ort“, „Platz“, „Stelle“. Es gibt im Sesteiere Castello der Satdt Venedig zwei Örtlichkeiten, die in die Kategorie „borgoloco“ fallen:
  • „Borgoloco San Lorenzo“ im Kirchspiel San Severo und
  • „Borgoloco Pompeo Molmenti“ im Kirchspiel Santa Maria Formosa. 1), 2), 3)
Beide haben gemeinsam, dass sie von der Umgebung relativ abgeschottet sind.
Giuseppe Boerio erklärt den Begriff „borgoloco“ damit, dass es sich hier um „borghetti“ - Ortsteile handelt, in denen „locande“ also Pensionen angesiedelt waren und führt weiter aus „Tegnìr a loco e foco diciamo quando si tien uno in alloggio non solo, ma se lo mantiene“ - frei übersetzt: „Jemandem Platz und Feuer zu gewähren sagt man, wenn einer nicht nur übernachtet, sondern sich länger aufhält.“ 4)
Borgoloco San Lorenzo, Photo by Gunther H.G. Geick
Vere da Pozzo im Borgoloco San Lorenzo




Quellen und Anmerkungen:
1) Auf der gleichnamigen Insel, einer der kleinsten im Centro Storico, die nur aus dem Borgoloco, der Calle del Dose, der Fondamenta del Dose und der Calle de Borgoloco besteht. Pompeo Gherardo Molmenti (Venedig, 1852 – Rom, 1928) war ein Schriftsteller, Historiker und Politiker, der in der Nachbarschaft des Borgoloco geboren wurde. Ihm zu Ehren wurde der borgoloco umbenannt
2) s.a. Blog „Renaissance Rules“ von Randy D. Bosch
3) Pompeo Gherardo Molmenti in der italienischen Wikipedia
4) Giuseppe Boeri, Dizionario del Dialetto Veneziano, Venezia 1856

 



Bretella
„La bretella“ oder „il raccordo“ ist eine Anschluss- oder Zubringerstraße, die idR. zwei Fernstraßen verbindet.
Im Straßenkatalog gibt es nur die „Bretella Tronchetto“. Sie ist die Zufahrtstraße zur Insel Tronchetto (oder „Isola Nuova di Tronchetto“) zwischen der „Rampa Santa Chiara“ und dem „Piazzale Tronchetto“. Von dort geht es über die „Ponte Tronchetto“, die den „Canale Colombuola“ überspannt, auf die Parkplatz-Insel.
Il People Mover di Venezia, Photo by Gunther H.G. Geick
Die Standseilbahn
"People Mover di Venezia"
verbindet die Parkplatz-Insel Tronchetto
mit dem Piazzale Roma

Tronchetto ist eine künstliche Insel im Sestiere Santa Croce von ca. 18 Hektar, die in den 1960ern angelegt wurde, um Parkplätze zu schaffen. In den letzten Jahren wurde der Parkraum durch den Bau von Parkhäusern erheblich vermehrt.
Auf dem Tronchetto liegen die Verwaltung der ACTV und der Obst- und Gemüsegrößmarkt.
Vom Tronchetto verkehren auch die Autofähren, die Venedig mit dem Lido verbinden. Auch mehrere Vaporetto-Linien halten am Tronchetto. Ganz Eilige erreichen den „Piazzale Roma“ in nur drei Minuten mit dem „People Mover“, einer Standseilbahn, die außerdem an der „Stazione Marittima“, dem Fähr- und Kreuzfahrthafen, Halt macht.
 



Calle
f, sg. „la calle“ / pl. „le calli“ (spanisch für ital. „via“, „strada“, „cammino“ bzw. Mittelalter-Latein „callis“ 1) - deutsch „Straße”, „Weg“).
„Calle“ ist die gewöhnlich venezianische Bezeichnung für eigentlich jede Art von Straße, die im Rest Italiens „via“ genannt wird.
Calle Lunga dell Accademia dei Nobili, Photo by Gunther H.G. Geick
Calle Lunga dell Accademia dei Nobili, Giudecca

Der Straßenkatalog kategorisiert daneben noch
  • calle larga (eine besonders breite Straße)
  • calle longa bzw. lunga (eine besonders lange Straße)
  • calle nova bzw. nuova (neue Straße)
  • calle stretta bzw. streta (eine besonders enge oder schmale Straße)
  • callesela bzw. callesella (venez. Diminutiv von „calle“, also das, was im Rest Italiens ein „vicolo“ - eine „Gasse“ wäre.2)

Calle Pedrocchi, Photo by Gunther H.G. Geick
Calle Pedrocchi, Castello

Bei den Größen- bzw. Weitenangaben muss man natürlich immer bedenken, dass sich solche Adjektive auf venezianische Verhältnisse beziehen. Eine calle ist mitunter weniger als 1 Meter breit, selbst wenn ihr Name nicht mit „Calle stretta“ beginnt.
Calle de le Capuzzine, Photo by Gunther H.G. Geick
Calle de le Capuzzine, Castello
eine der schmalsten Calle der Stadt

 
Ein wenig Veneziano
Nebenbei bemerkt: der venezianische Dialekt schreibt normalerweise keine Doppelkonsonanten. Die Schreibweise auf den „nizioleti“ 3) schwankt aber manchmal schon auf den Schildern ein und derselben Straße zwischen venezianischer und italienischer Orthographie und allem was dazwischen liegen könnte – vermutlich in Abhängigkeit der Herkunft der jeweiligen Maler.
Ponte de la Cortesia, Photo by Gunther H.G. Geick
Nizioleto der Ponte de la Cortesia
(Wie man sieht stand dort als Präposition auch schom mal "della")

Das Veneziano kennt auch kein „uo“. Daher „strada nova“ statt „strada nuova“ (Neue Straße), „loco“ statt „luogo“ (Ort, Platz, Stelle), „foco“ statt „fuoco“ (Feuer) und „gheto novo“ statt „ghetto nuovo“ (Neues Ghetto).
In der venezianischen Rechtschreibung werden Präpositionen nicht wie im Italienischen zusammengezogen. Deshalb heißt es z.B. auch „Calle de la Comedia“ statt „Calle della Commedia“.
Den italienischen „gl“-Laut gibt es im venezianischen Dialekt auch nicht. Die „Strohbrücke“, von der aus jedes Jahr tausende von Photos der Seufzerbrücke gemacht werden, heißt also nicht „Ponte della Paglia“ sondern „Ponte de la Pagia“. Ebenso, wie die „Strohstraße“ im Sestiere Cannaregio „Calle de la Pagia“ geschrieben wird.
Dasselbe gilt für die italiensiche Präposition „degli“. Die berühmte Uferpromenade, die sich am Bacino San Marco von San Marco nach Castello zieht, heißt in korrektem Veneziano „Riva dei Schiavoni“ (das „Slawen-Ufer“) und die Brücke, die den Canalazzo4) vor dem Bahnhof überquert, ist die „Ponte dei Scalzi“ (die „Brücke der Unbeschuhten“).5)
 
Quellen und Anmerkungen:
1) http://www.pons.eu/
2) Boerio: Calesela o Caleta: ... vico, vicolo, ... strada stretta: Gasse, schmale Straße
3) Diminutiv von venez. „ninzuolo“, ital. „lenzuolo“, dtsch. „Laken“.
Die Straßennamen sind in Venedig in schwarzer Schablonenschrift auf mehr oder weniger große weiße Rechtecke auf die Hausfassaden gemalt. Eben diese weißen Rechtecke werden “ kleine Bettlaken” - „nizioleti“ genannt.
4) „Canalazzo“ ist der venezianische Augmentativ von „canal“. Canalazzo - Großer Canal - nennen die Venezianer den Canal Grande
5) „Scalzi“ - die Unbeschuhten, Barfüßigen sind die „Carmelitani scalzi“ oder „Unbeschuhte Karmeliten“, der Orden, dem die Scalzi-Kirche (Chiesa di Santa Maria di Nazareth) anvertraut war.

 

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