Freitag, 8. März 2013

Venezianische Toponymie (1)

 

Barbaria

Der Straßenkatalog1) führt „Barbaria“ als eigene Kategorie. Es gibt nur eine Straße in dieser Kategorie, nämlich die „Barbaria de le Tole“, die im Sestiere Castello den „Campo SS. Giovanni e Paolo“ („San Zanipolo“) mit dem „Campo de Santa Giustina detto de Barbaria“ verbindet (wobei der erste Teil der Verbindung von der „Salizada San Zanipolo“ und der letzte Teil von der „Calle del Cafetier“ gebildet wird).

Über die Herkunft und Bedeutung des Namens herrscht, wie Fausto Maroder in seinem Alloggi Barbaria-Blog schreibt „unter den Experten der venezianischen Toponymie Uneinigkeit“.2)

Der Begriff „barbaria“ stand schon bei den Römern für alle Gebiete, die außerhalb Griechenlands und Italiens liegen – also „die Fremde“ oder „das Ausland“. Im übertragenen Sinne steht „barbaria“ auch für Rohheit, Kulturlosigkeit.3)

Tola“ (pl. „tole“, Italienisch „tavola / tavole“ - „Brett“, „Tisch“) ist ein venezianischer Dialektbegriff der sowohl Holzbretter oder -tafeln, als auch jede Art von Tischen bezeichnen kann.4)

Holzlager und Zimmereien bzw. Schreinereien gab es in der Gegend nachgewiesenermaßen seit dem frühen 9. Jahrhundert. Einige Toponymie-Experten sind deshalb der Meinung, dass hier das Holz für die Ausfuhr in die Länder der Barbarei gelagert wurde – was ich bezweifele, wenn ich bedenke, welche Anstrengungen die Serenissima unternahm, um sich selbst Holz für den Schiffbau zu sichern und zu verhindern, dass Holz aus ihren Besitzungen auf dem Festland ausgeführt wurde.
Andere vertreten die Ansicht, der Name wäre auf die Tatsache zurückzuführen, dass hier die Zimmerleute die Äste („barbe“ - Widerhaken) aus den Planken gehobelt hätten und wieder andere führen an, hier wären nur grobe - „barbarische“ Holzarbeiten verrichtet worden.5)

Barbaria de le Tole, Quelle Wikimedia Commons
Barbaria de le Tole, Castello 6673
Hier wohnte Casanova mit Francesca Buschini

 

In der „Barbaria de le Tole“ wohnte übrigens im Haus Castello 6673, gegenüber der Einmündung der „Calle Prima del Brusa'“, Francesca Buschini, eine langjährige Geliebte Giacomo Casanovas. Casanova zahlte jahrelang, auch während seiner Abwesenheit aus Venedig, die Miete für die Wohnung, in der er einst mit Francesca zusammen gelebt haben soll.6)


Bocca

Auch in dieser Kategorie des Straßenkatalogs gibt es nur einen Eintrag. Die „Bocca de Piazza“, also die „Mündung des Platzes“ - gemeint ist natürlich die „Piazza San Marco“ - ist ein Plätzchen westlich der Piazza, hinter der „Ala Napoleonica“.

Die„Ala Napoleonica“ (der „Napoleonischen Flügel“), auch „Procuratie Nuovissime“ oder „Fabbrica Nuova“ („Neueste Prokuratien“ bzw. „Neubau“) genannt, wurde während der napoleonischen Okkupation Venedigs auf Veranlassung Eugène de Beauharnais', Stief- und Adoptivsohn Napoleon Bonapartes, der u.a. den Titel „Prinz von Venedig“ trug, errichtet, weil die zum Königlichen Palast erhobenen „Procuratie Nuove“ eines Ballsaals entbehrten.

Francesco Guardi, Chiesa di San Geminiano, Quelle: Wikimedia Commons
Francesco Guardi, nach 1776
Piazza San Marco mit der Chiesa di San Geminiano

Um für den Neubau Platz zu schaffen, riss man zwischen 1807 und 1810 eine der ältesten Kirchen Venedigs, die Chiesa di San Geminiano aus dem 6. Jahrhundert, kurzerhand ab. Diese Kirche war 1557 von Jacopo Sansovino im Rahmen einer generellen Renovierung der Piazza umgebaut worden.

 

Quellen:
1) "Stradario del Centro Storico Veneziano" vom Juni 2012
2) http://alloggibarbaria.blogspot.de/2008/09/barbaria-delle-tole.html
3) http://de.wiktionary.org/wiki/barbaria
4) Boerio, Giuseppe, Dizionario del Dialetto Veneziano, Venezia 1856
5) s.a. http://it.wikipedia.org/wiki/Chiesa_dell%27Ospedaletto
6) http://it.wikipedia.org/wiki/Giacomo_Casanova
Photo: „Barbaria delle Tole“, http://it.wikipedia.org/w/index.php?title=File%3ABarbaria_delle_Tole.jpg, Lizenz: siehe dort
außerdem:
http://it.wikipedia.org/wiki/Procuratie
http://it.wikipedia.org/wiki/Eugenio_di_Beauharnais
http://it.wikipedia.org/wiki/Jacopo_Sansovino
http://it.wikipedia.org/wiki/Chiesa_di_San_Geminiano
http://it.wikipedia.org/wiki/File:Francesco_Guardi_044.jpg, (Piazza San Marco a Venezia, dal lato opposto alla basilica. Vi si osservano padiglioni in legno provvisori, costruiti per l'annuale "fiera della Sensa" (la festa dell'Ascensione). Sul fondo, la facciata della chiesa del Sansovino, demolita da Napoleone.), Lizenz: siehe dort

 

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