Dienstag, 5. Februar 2013

Venezianische Zisternen und die Vere da Pozzo

 
„Venezia è in acqua ma non ha acqua“

„Venedig ist im Wasser aber hat kein Wasser“ schrieb einst der venezianische Historiograph Marino Sanudo (genannt Marino Sanudo der Jüngere; 1466-1536). Und tatsächlich ist die Versorgung der Venezianer mit Trinkwasser ein großes Problem. Alle Versuche, mit Bohrungen zu süßwasserführenden Schichten vorzudringen, schlugen fehl. Lediglich auf dem Lido gibt es Quellen, deren Wassermenge aber minimal ist. Die Venezianer mussten sich also etwas einfallen lassen und entwickelten die venezianischen „Brunnen“, die eigentlich Zisternen sind, und deren Brunnenköpfe – die „vere da pozzo“ – allenthalben in der Stadt zu sehen sind.


Vera da Pozzo, Calle del Pestrin, Photo by Gunther H.G. Geick
Vera da Pozzo,
Calle del Pestrin



„Pozzi alla veneziana“ werden schon sehr lange gebaut. Jedenfalls bestand schon im 13. Jahrhundert die Gemeinschaft der "Pozzèri" als eine Untergruppe der Arte oder Scuola dei "Murèri“, also der Gilde der Maurer. Die Brunnenköpfe wurden von den Steinschneidern oder Steinmetzen, den tagiapiera oder tagliapietra hergestellt. Es gibt eigentlich nur eine kleine Zahl von Grundtypen, die zeitweise seriell hergestellt wurden. So ordnete der Große Rat z.B. im Jahre 1322 die Errichtung von 50 pozzi an, weitere 30 Brunnen wurden 1424 errichtet. [1]

Im 15./16. Jahrhundert standen jedem Einwohner täglich 5 – 7 Liter Wasser zur Verfügung (heute führen die Wasserleitungen vom Festland pro Einwohner und Tag 300-350 Liter in die Stadt). Um den Bedarf zu decken war es nötig, möglichst jeden Regentropfen nutzbar zu machen und ihn in die Zisternen zu leiten. So wurden nicht nur unter den offenen Plätzen und Höfen Zisternen angelegt, sondern auch unter vielen Häusern. In diese Zisternen wurde das Wasser von den Dachflächen auch direkt durch steinerne „Dachrinnen“ geleitet. Wenn zusätzlicher Bedarf, insbesondere in Trockenzeiten, zu decken war, wurde Wasser aus den Flüssen der terra ferma in speziellen Booten, den burchi, herangeführt und in die Zisternen gefüllt. In den Jahren 1609-1611 baute man den Kanal Seriola, so dass man das Wasser nun näher an der Lagune hatte und den Zusatzbedarf schneller und bequemer decken konnte.



Vera da Pozzo, Calle del Tragheto, Photo by Gunther H.G. Geick
Vera da Pozzo
Calle del Tragheto



Mitte des 19. Jahrhunderts gab es zunehmend hygienische Probleme durch verschmutztes Trinkwasser, weil mit dem Niedergang der Stadt auch die Wartung der pozzi vernachlässigt worden war. Man stand vor der Entscheidung, das alte System der Zisternen wiederherzustellen oder die Trinkwasserversorgung durch den Bau einer Wasserleitung vom Festland durch die Lagune zu gewährleisten. In den Jahren 1857/58 führte Giuseppe Bianco, der Chefingenieur der Stadt, eine umfassende Bestandsaufnahme durch. Die Daten, die damals erhoben wurden enthalten Angaben zum Standort, den Abmessungen der Zisternen und deren allgemeinen Zustand sowie zur Wasserqualität.

Bianco erfasste 180 öffentliche und 6.046 private Zisternen, von denen sich ein großer Teil in Gebäuden befanden (interne Zisternen). Während die Wasserqualität fast aller öffentlichen pozzi als „gut“ beurteilt wurde, erhielten nur 2.212 private pozzi diese Note. Die endgültige Entscheidung fiel zugunsten einer Wasserleitung aus, die schließlich 1884 in Betrieb genommen wurde. Die Zisternen wurden verschlossen und versiegelt und viele gerieten im Laufe der Jahre in Vergessenheit oder wurden bei Renovierungs- und Umbauarbeiten zerstört. Es kommt sogar heute noch vor, dass Brunnenköpfe gestohlen werden.



Vera da Pozzo, Fontego dei Turchi, Photo by Gunther H.G. Geick
Vera da Pozzo
Fontego dei Turchi



Im Jahre 2004 begann ein Projekt names „Venezia: nuova vita per le vecchie cisterne“ [2] („Venedig: neues Leben für die alten Zisternen“). Im Rahmen dieses Projekts wurde auf der Grundlage der von Bianco erhobenen Daten eine neue Bestandsaufnahme erarbeitet. Es fanden sich immerhin noch 5.003 Zisternen unverändert, d.h. nicht überbaut oder zerstört. Außerdem wurde im Verlauf des Projekts die Zisterne im Fondaco dei Turchi, dem Sitz des Naturhistorischen Museums der Stadt, wiederhergestellt und betriebsfähig gemacht.

Das Funktionsprinzip

Für eine venezianische Zisterne wird eine Grube ausgehoben, die 3 – 5 m tief ist. Die Fläche richtet sich nach dem zur Verfügung stehenden Platz. Diese Grube wird mit wasserundurchlässigem Material in einer Dicke von 50 – 60 cm ausgekleidet. Dann wird diese Grube wird mit sauberem Sand gefüllt, das aus den Flüssen des Festlandes genommen wurde.

Vera da Pozzo, Campo San Boldo, [&copy]  Photo by Gunther H.G. Geick
Vera da Pozzo
Campo San Boldo, San Polo [&copy]

An zwei Seiten der Zisterne oder an allen vier Ecken werden trocken gemauerte Kästen errichtet, die cassoni. In diese cassoni werden gegebenenfalls die Röhren eingeführt, die Regenwasser direkt von den Dächern abführen. Die cassoni sind mit durchlöcherten Steinplatten abgedeckt, die pilelle genannt werden. Hierüber fließt das Oberflächenwasser in die Caisson.



Venezianische Zisterne, Copyrigth Gunther H.G. Geick
Venezianische Zisterne



In der Mitte der Zisterne liegt eine Steinplatte, auf der die Brunnenröhre, die canna, aufliegt. Die speziellen gerundeten Ziegel der Brunnenröhre , die pozzali, sind im unteren Bereich mit magerem Mörtel vermauert.

Schließlich wird der Platz oder Hof mit Steinplatten oder Ziegeln in der Weise belegt, dass sich ein Gefälle von der Mitte und von den Seiten zu den pilelle ergibt.
Bei internen Zisternen, also solchen, die sich unter Gebäuden befinden, wird das Regenwasser über die Röhren direkt aus den Dachrinnen n die cassoni geleitet.

In den cassoni bleibt zunächst der gröbste Schmutz, Blätter usw. zurück. Das Regenwasser dringt nun durch den Flusssandfilter nach unten und schließlich in die Brunnenröhre und kann über den Brunnenkopf, die vera da pozzo, als kühles, sauberes und wohlschmeckendes Trinkwasser entnommen werden.


[1] http://www.archeove.com/pubblic/arcve1295/arcve1295.html
[2] http://leggespeciale.comune.venezia.it/index.php?option=com_content&task=view&id=299&Itemid=212&lang=it

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