Montag, 11. Februar 2013

Das Rätsel vom Campo de la Guerra



Cippo, Campo de la Guerra, Photo by Gunther H.G. Geick Mutmaßungen über eine Inschrift

Am nordöstlichen Ende des Campo de la Guerra im Sestiere San Marco steht rechts vor der Ponte de la Guerra ein merkwürdig geformter Stein, dessen Beschriftungen zu Spekulationen Anlaß geben und dessen Jahresangabe nicht so recht zur übrigen Inschrift zu passen scheint.
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Beginnen wir mit dem Text in der Mitte. Unter einem gleichschenkligen Kreuz stehen die Worte
"Agli arditi di Venezia che solo la morte fermo nell‘assalto – I superstiti"
("Den Wagemutigen von Venedig, die nur der Tod im Sturmangriff aufhielt – Die Überlebenden")
und römische Ziffern, die vermutlich Kalenderdaten sind: links:
IV XI MCMXXIX – VIII (4 11 1929 – 8)
und rechts:
XXIX VIII MCMXVII (29 7 1917).

K
n 10

+
AGLI
ARDITI
DI
VENEZIA
CHE
SOLO LA MORTE
FERMO
NELL‘ASSALTO

I
SVPERSTITI

IV XI XXIX VII
MCMXXIX - VIII MCMXVII

1752

 
Sucht man im Internet nach diesen Daten, so findet man einiges, was das linke Datum (4. November 1929) mit einem Kriegerdenkmal, um das handelt es sich hier ja offenbar, in Verbindung bringen könnte. Die römische VIII verweist auf 1929 als das Jahr 8 der Faschistischen Ära. Der 4. November 1929 war der zehnte Jahrestag des "Bollettino della Vittoria", des offiziellen Dokuments der Bekanntgabe des für Italien siegreichen Endes des Ersten Weltkrieges 1) und der achte Jahrestag der Beisetzung des Unbekannten Soldaten im römischen Vittoriano 2). An diesem 4.November 1929 eröffnete Mussolini außerdem in Rom den Kongress der "Associazione Nazionale Mutilati ed Invalidi di Guerra" 3). Im selben Jahr wurde diese Kriegsinvaliden-Vereinigung, die bereits seit Juni 1917 bestand, als faschistische Körperschaft gesetzlich anerkannt.

Bei der Recherche nach dem zweiten Datum, dem 29. Juli 1917, stößt man ziemlich schnell darauf, dass an diesem Tag eine Spezialeinheit der königlichen italienischen Armee gegründet wurde, nämlich die "Arditi" 4). Damit dürfte klar sein, dass es sich bei den in der Inschrift genannten "arditi" nicht einfach um irgendwelche "Wagemutigen" oder "Kühnen" handelt, sondern das hier ganz explizit auf Angehörige dieser Einheit verwiesen wird.

Es liegt demnach also nahe, anzunehmen, dass die Inschrift anlässlich des Jahrestages des italienischen Sieges, vielleicht auch in Verbindung mit der Gründung eines lokalen Ablegers des Kriegsinvaliden-Verbandes, enthüllt wurde.
Bleibt noch zu klären, was die anderen Zeichen auf dem Stein bedeuten. Dazu werfen wir einen Blick zurück in das 18. Jahrhundert.

Im Jahre 1752 wurde zwischen der Republik Venedig und dem Habsburger Kaiserreich ein Vertrag über den Verlauf der bis dahin umstrittenen Grenze im Gebiet der sogenannten Marcesina geschlossen. Im Zuge der Grenzregelung wurden auch genau beschriebene Grenzsteine aufgestellt. Eine Abbildung dieser Grenzsteine oder "cippi" hat das Archivio di Stato di Venezia im Internet bereitgestellt. 5)

Legt man eine Zeichnung des Grenzsteines über das Foto des Steins auf dem Campo de la Guerra, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es sich hier tatsächlich um einen der Grenzsteine handelt, die 1752 aufgestellt wurden:

Habsburgisch-Venezianischer Grenzstein
Habsburgisch-Venezianischer Grenzstein

Die Grenzsteine waren durchnummeriert. Der Stellung des Buchstabens im Alphabet entspricht (unter Auslassung des J) die Nummer des Steins. In unserem Falle also: Stein Nr. 10 – Kennbuchstabe K.

Dieser Stein Nr. 10 soll sich auf dem Campo Marcesina befunden haben. 6) Ob es sich allerdings wirklich um diesen Grenzstein handelt und wie dieser Stein nach Venedig gekommen ist, vermag ich (noch) nicht zu sagen. Vielleicht handelte es sich ja auch um eine "Zweitausfertigung". Auf jeden Fall wurde der Grenzstein offenbar gekürzt, der Markuslöwe wurde ausgemeißelt und der Stein dort um einige Zentimeter vertieft. Es gibt Abbildungen anderer Grenzsteine von 1752, die in ähnlicher Weise umfunktioniert wurden. Außerdem wurde wahrscheinlich die Spitze erneuert. Wahrscheinlich wurde der Stein auf der Rückseite insgesamt dünner gemacht, denn dort befand sich einst das Hoheitszeichen Österreichs.

Betrachtet man die Rückseite des Steins, stellt man fest, dass der Stein über die volle Höhe eine halbrunde Vertiefung aufweist, ganz so, wie es bei den Sockeln der Fahnenmasten der Fall ist, die man an vielen Plätzen in Venedig antrifft. Als Gedenkstein hätte dieser Stein also schon wenigstens seine Drittverwendung gefunden.

1) http://it.wikipedia.org/wiki/Bollettino_della_Vittoria
2) http://it.wikipedia.org/wiki/Milite_Ignoto
3) http://www.mussolinibenito.it/discorsodel04_11_1929.htm
4) http://it.wikipedia.org/wiki/Arditi
5) http://www.archiviodistatovenezia.it/divenire/ua.htm?idUa=1092
6) "La costruzione delle frontiere terrestri della Serenissima", Walter Panciera in "Le Armi di San Marco Atti del Convegno di Venezia e Verona, 29-30 settembre 201, Società Italiana di Storia Militare, Qaderno 2011




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