Sonntag, 13. Mai 2018

Lucia und die Eisenbahn


In Venedig kann es sich lohnen, seine Aufmerksamkeit auch einmal dem Straßenpflaster zu widmen. In der Gegend, auf die ich heute hinweisen möchte, ist das aber auch aus einem anderen guten Grund anzuraten: Das Pflaster zwischen der Calatravabrücke und dem Bahnhof ist nämlich streckenweise noch nicht instandgesetzt und hat einige wirklich bedenkliche Schlaglöcher in den kleinteilig gepflasterten Bereichen.

Dasjenige, worum es in diesem Artikel geht, findet man im Pflaster des Bahnhofsvorplatzes, ziemlich genau in der Mitte. Dort sind zwei Platten aus istrischem „Marmor“ eingelassen, die etwas mit der Geschichte des Bahnhofs und der Heiligen Lucia von Syrakus zu tun haben. Bekanntlich trägt der Bahnhof ja auch den Namen Stazione Venezia SL bzw. Venezia Santa Lucia.



Auf der größeren Platte befindet sich unter der Abbildung einer Kirchenfassade dieser Text:


QUI LA PIETÀ DEGLI AVI NEL 1313 ERESSE E DEDICÓ IN ONORE
DI SANTA LUCIA LA CHIESA RINNOVATA AGLI INIZI DEL SECOLO XVII
DEMOLITA NEL 1860.



LA PARROCCHIALE DI SAN GEREMIA PROFETA CUSTODISCE
ORA IL VENERATO CORPO DELLA MARTIRE CRISTIANA

14 APRILE 1959 A CURA DELL'AZIONE CATTOLICA



Übersetzung:
Hier errichtete die Frömmigkeit der Vorväter 1313 zu Ehren der Heiligen Lucia die ihr gewidmete Kirche. Renoviert zu Beginn des 17. Jahrhunderts und abgerissen 1860.
---
Die Pfarrkirche St. Jeremia beherbergt heute den verehrten Leib der christlichen Märtyrerin.
14. April 1959 durch die katholische Aktion

(Der Tag ist unsicher, da die Zahl kaum noch lesbar ist)

Darunter liegt noch eine kleinere Platte mit dieser Inschrift:


ACCANTO ALLA CHIESA DI S. LUCIA
23 MAGGIO 1831
LA BEATA MADDALENA DI CANOSSA
FONDATO IL PRIMO ORATORIO CITTADINO
PER L'EDUCAZIONE RELIGIOSA E CIVILE
DEI FIGLI DEL POPOLO
ED INIZIAVA L'ISTITUTO
DEI FIGLI DELLA CARITÀ "CANOSSIANI"
GLI EX ALLIEVI
NEL 150° ANNIVERSARIO



Aber auf diese Inschrift werde ich vielleicht erst in einem späteren Artikel eingehen.

Übersetzung:
Neben der Kirche der Hl.. Lucia
gründete die gesegnete Maddalena von Canossa am 23. Mai 1831 das erste städtische Oratorium für religiöse und bürgerliche Erziehung der Kinder des Volkes und initiierte das Institut der Kinder der Nächstenliebe "Canossiani"
Die ehemaligen Schüler
zum 150-jährigen Jubiläum

Die Gedenktafeln im Pflaster vor dem Bahnhof Venezia SL
Die Gedenktafeln im Pflaster vor dem Bahnhof Venezia SL


An der Stelle des Bahnhofes stand also bis 1861 eine Kirche, die der Hl. Lucia von Syrakus gewidmet war und deren sterbliche Überreste beherbergte. Wie so manche Reliquien kam auch Lucia im Jahre 1204 nach der Plünderung Konstantinopels im Verlauf des Vierten Kreuzzugs als Kriegsbeute (oder etwas weniger vornehm ausgedrückt, als Diebesgut) nach Venedig.

Aus einer Katakombe im sizilianischen Siracusa war der Körper im Jahre 1040 durch den byzantinischen General und Gegenkaiser Georgios Maniakes überführt worden. Ob es bei dieser Gelegenheit legaler zugegangen ist, sei dahingestellt.

Es ist natürlich nicht nachzuweisen, dass es sich tatsächlich um die Gebeine der Heiligen handelt. Schließlich wird auch im lothringischen Metz behauptet, dass sie in der Basilika Saint-Vincent liegen.

Die Geschichte der Hl. Lucia in der Legenda Aurea des genueser Dominikaners und Erzbischofs Jakobus de Voragine kann man hier nachlesen: www.heiligenlexikon.de/Legenda_Aurea/Lucia.htm.

Kurz zusammengefasst lautet sie so (nach Wikipedia): Lucia war die Tochter eines reichen römischen Bürgers von Syrakus, der jedoch früh starb. Ihre Mutter Eutychia wollte sie verheiraten, doch Lucia hatte die Jungfräulichkeit um Christi willen gelobt und schob die Verlobung hinaus. Als ihre Mutter auf einer gemeinsamen Wallfahrt zum Grab der heiligen Agatha von Catania nach dem Gebet dort von den Leiden des Blutflusses geheilt wurde, stimmte Eutychia dem Gelübde zu. Lucias zurückgewiesener Bräutigam klagte sie in der diokletianischen Verfolgung als Christin an. Der Richter Paschasius wollte sie in ein Bordell bringen lassen, doch auch ein Ochsengespann und 1.000 Männer konnten sie nicht fortbewegen. Nach verschiedenen Martern und Wundern wurde sie schließlich mit einem Schwertstich in den Hals getötet. Andere Legenden berichten auch, dass man ihr die Augen herausgerissen hat.

Demzufolge wird Lucia meist mit einem Schwert und einem Palmzweig als Märtyrerattribute und oft auch mit ihren ausgerissenen Augen dargestellt.

Francesco del Cossa - Santa Lucia
[Public domain], via Wikimedia Commons
Francesco del Cossa - Santa Lucia

Die Hl. Lucia wird bei Blutfluss, und passenderweise bei Halsschmerzen und Augenleiden angerufen. Sie ist die Patronin der Armen, der Blinden, der reuigen Dirnen, der kranken Kinder, der Anwälte, Bauern, Elektriker, Glaser, Kutscher, Messerschmiede, Näherinnen, Pedelle, Polsterer, Sattler, Schneider, Schreiber und Weber und der Städte Syrakus und Venedig.

Ihr Gedenktag ist der 13. Dezember. Da dieser Tag vor der gregorianischen Kalenderreform auf die Wintersonnenwende fiel, wird das Fest der Hl. Lucia insbesondere in Skandinavien mit Lichtriten begangen (s. de.wikipedia.org/wiki/Luciafest).

Fassade und Grundriss der Kirche
(Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Datei:Disegni_Santa_Lucia_Venezia_Muttoni.png, aus Architettura di Andrea Palladio vicentino von F. Muttoni, 1740-1760)

Aber kehren wir zurück nach Venedig.

Die Kirche, die am Ort des heutigen Bahnhofs stand, wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts als Mariä-Verkündigung-Kirche (Chiesa di Santa Maria Annunziata) gebaut. Erst nachdem es anlässlich einer Bootsprozession zur Basilika auf der Insel San Giorgio Maggiore, in der die Hl. Lucia anfangs aufbewahrt wurde, zu einem Unglück mit mehreren Toten kam, beschloss man, die Heilige in die, nun umbenannte Chiesa di Santa Lucia in Cannaregio zu überführen.

1444 wurde die Kirche der Gerichtsbarkeit des nahe gelegenen Dominikanerkonvents Corpus Domini übergeben und im Jahr 1574 an den Servitenorden gegeben. Infolge der Napoleonischen Dekrete von 1805 wurde der Konvent aufgehoben und die Gebäude später abgerissen.

Im Laufe ihrer Geschichte erfuhr die Kirche der Hl. Lucia mehrere Umbauten und Renovierungen. Der letzte Bauzustand soll von Andrea Palladio beeinflusst sein. Jedenfalls nannte eine Inschrift der Fassade ihn als den Architekten. Sicher ist aber nur, dass es von Palladio aus dessen Todesjahr 1580 Entwürfe für die Innengestaltung gibt und dass der letzte Umbau erst gut 30 Jahre danach fertiggestellt wurde.

1860 wurden die Gebeine der Hl. Lucia in die Kirche San Geremia überführt und ihre Kirche wurde abgerissen um Platz für den ersten Bahnhof an dieser Stelle zu schaffen.

Chiesa di San Geremia Venezia - Santa Lucia
Chiesa di San Geremia Venezia - Santa Lucia
[CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Die Geschichte der Eisenbahn begann in Venedig allerdings schon weit früher. Man kann sagen, der Bahnhof war Teil der Planungen für die zweite Eisenbahn, die überhaupt auf der italienischen Halbinsel zwischen Mailand und Venedig als den beiden Hauptstädten des Königreichs Lombardo-Venetien gebaut werden sollte.

Das Königreich Lombardo-Venetien wurde am 9. Juni 1815 als Ergebnis des Wiener Kongresses geschaffen. König war in Personalunion der Kaiser von Österreich Ferdinand I., nach dem dann auch die 1837 gegründete K. k. priv. lombardisch-venetianische Ferdinands-Bahn benannt wurde.
Die Realisierung der Ferdinandsbahn zog sich allerdings aufgrund finanzieller Probleme von 1842 bis 1857 hin, in welchem Jahr der letzte Abschnitt Treviglio-Bergamo eröffnet wurde.

Die Strecke Padua-Marghera war im November 1843 fertig. Inzwischen hatte man im Mai 1841 auch den Bau der Lagunenbrücke begonnen, die im Oktober 1845 vollendet war. Im darauffolgenden Januar 1846 wurde die zweigleisige Eisenbahnbrücke in Betrieb genommen und der erste Zug erreichte den Bahnhof Santa Lucia.

Die Ponte della Libertà (nur die Straßenbrücke trägt offiziell seit 1945 diesen Namen), ab 1931 gebaut und 1933 als Ponte Littoria (nach dem faschistischen Staatssymbol, dem Liktorenbündel) eröffnet. Schon kurz vorher war das Parkhaus Autorimessa Comunale am Piazzale Roma erbaut worden. Ein Bau, dem man beileibe nicht ansieht, dass er mehr als 85 Jahre alt ist.

Stazione Venezia Santa Lucia
Stazione Venezia Santa Lucia

Der Bahnhof, wie wir ihn heute kennen, ist ein Kind des italienischen Rationalismus. Er wurde bereits in den 1920ern projektiert, 1936 bis 1943 gebaut, aber erst 1952 fertiggestellt.
Wie der ursprüngliche Bahnhof ausgesehen hat, können Sie hier sehen:

http://www.grandistazioni.it/cms/v/index.jsp?vgnextoid=29719320329ea110VgnVCM1000003f16f90aRCRD

Und welche Alternativentwürfe es für den Neubau gab, sehen Sie hier:

http://www.bassavelocita.it/concorso-per-la-stazione-venezia-santa-lucia/


Montag, 7. Mai 2018

Il Tintoretto - Das Färberchen



An der Fondamenta dei Mori, nur wenige Schritte entfernt von der berühmten Statue des Sior Antonio Rioba mit der eisernen Nase, befindet sich zwischen den Eingängen 3398 und 3399 eine Inschrift zur Erinnerung an den Maler Jacopo Robusti, genannt Tintoretto.

Fondamenta dei Mori, Cannaregio 3398/3399
Erinnerungstafel
Fondamenta dei Mori, Cannaregio 3398/3399

Das als Casa di Tintoretto bekannte Haus soll Geburtshaus und Werkstatt des Malers gewesen sein.

Casa di Tintoretto
Casa di Tintoretto


Der lateinische Text der Erinnerungstafel lautet:


NE PRAETEREAS VIATOR
JAC[opo] ROBUSTI QUI TINTORETTO
DOMUM VETUSTAM
INDE TABULAE INNUMERAE
MENTE PENICILLO IPSIUS
PERACRI AFFABRE ELABORATAE
PUBLICE PRIVATIMQ[e] ASPECTABILES
LATE PRODIERUNT
HOC TE RESCIRE JUBAVIT
CURA PRAESENTIS DOMINI
MDCCCXLII


Darunter befindet sich eine zweite Tafel mit der Inschrift „RENOVATA AERE CIVICO 1881“

Auf Italienisch lautet der Text ungefähr so:
"Viatore non passano da questa veneranda casa di Jacopo Robusto, detto il Tintoretto, dove numerosi quadri, con il pennello tagliente sapientemente lavorato, sia visibili pubblicamente che privatamente, sono state fatte. Questo sappiate dal proprietario attuale per il vostro piacere. 1842" /
"Rinnovato a spese pubbliche 1881"

Rough English translation:
"Wanderer don't pass by this venerable house of Jacopo Robusto, known as Tintoretto, where countless paintings, with sharp brush skillfully worked, both publicly and privately visible, were made. Learn this by the current landlord to your enlightment. 1842" /
"Renovated at public expense 1881"

Und eine ungefähre deutsche Übersetzung wäre:
"Gehe nicht vorüber, Wanderer, am altehrwürdigen Haus des Jacopo Robusto, genannt Tintoretto, wo unzählige Gemälde, durch seinen scharfen Pinsel kunstvoll gearbeitet, öffentlich wie privat sichtbar, entstanden sind. Dieses durch die Sorge des gegenwärtigen Hausherrn zu erfahren wird Dich erfreuen. 1842." /
"Auf öffentliche Kosten renoviert 1881"

Der Maler, der uns unter dem Namen Tintoretto bekannt ist, nannte sich mit bürgerlichem Namen Jacopo Robusti. Der Name Tintoretto ist das Diminutiv der Berufsbezeichnung seines Vaters Giovanni Battista Comin, der Färber, italienisch „tintore“ (venezianisch „tentor“) war und wahrscheinlich aus Lucca stammte. Den Beinamen Robusti (der Starke) soll dem Vater wegen dessen Beteiligung an der heldenhaften Verteidigung eines Paduanischen Stadttores im Jahre 1509 beigelegt worden sein.

Jacopo Robusti signierte Gemälde in der Regel mit der venezianischen Variante „tentoretto“ oder latinisiert als „Iacobus Tentorettus“ und auch in Familienpapieren, wie den Testamenten seiner Kinder, wird die venezianische Form verwendet.

Das Geburtsdatum Jacopo Robustis ist unbekannt, denn die diesbezüglichen Dokumente fielen einem Brand zum Opfer. Die Angaben zur Geburt Ende September – Anfang Oktober 1518 wurden aufgrund der Altersangabe im Sterbeeintrags „31. Mai 1594: starb Messer Jacopo Robusti genannt Tintoretto im Alter von 75 Jahren und 8 Monaten“ rekonstruiert. Der Tintoretto-Biograph Roland Krischel allerdings hat aus Dokumenten der Pfarreien und Behörden als Geburtszeit den April oder Mai 1519 ermittelt.

Tintorettos Grablege befindet sich in der nahe gelegenen Kirche de la Madona de l'Orto. Zu ihr kommt man über den Campo dei Mori, die Calle dei Mori und die Ponte de la Madona d l'Orto.

Madona de l'Orto
Madona de l'Orto

Folgt man der Fondamenta dei Mori noch ein Stückchen weiter Richtung Castello, kommt man zur Calle Tintoretto und durch sie zum Corte Tintoretto. Hier sieht man an einer der Fassaden drei Reliefs, die wohl an Tintoretto erinnern sollen, aber direkt nichts mit dem Maler zu tun haben.

Relief, Corte Tintoretto
Relief, Corte Tintoretto

Relief, Corte Tintoretto
Relief, Corte Tintoretto

Relief, Corte Tintoretto
Relief, Corte Tintoretto


Trivia:

In dieser Gegend wurden etliche Szenen des dänischen Spielfilms „Italiensk for begyndere“ (dtsch. „Italienisch für Anfänger“) gedreht. Aber dazu und zu dem eingangs erwähnten Sior Rioba demnächst mehr in einem eigenen Beitrag.

In Commissario Brunettis 17. Fall „Das Mädchen seiner Träume“ vergleicht der Commissario die Kuppel des Glockenturms der Chiesa de la Madona de l'Orto („natürlich“ in der unvenezianischen italienischen Schreibweise „Madonna dell'Orto“) mit einem Panettone.

Madona de l'Orto
Madona de l'Orto

Und in Commissario Brunettis 19. Fall „Auf Treu und Glauben“ trägt das fehlende Glockengeläut der Kirche wesentlich zur Aufklärung des Falles bei.




Mittwoch, 18. April 2018

Commissario Brunettis Dachterrasse


Die Dachterrasse der Brunettis befindet sich über dem Rio de San Polo - Amalteo, gegenüber dem Palazzo Barbarigo della Terrazza. Der Palazzo beherbergt übrigens auch das Deutsche Studienzentrum in Venedig (Centro Tedesco di Studi Veneziani).

Brunettis Dachterrasse während der  Dreharbeiten im Juni 2017
Brunettis Dachterrasse während der  Dreharbeiten im Juni 2017

Der Hauseingang zur Brunetti-Wohnung liegt im Corte Scura, San Polo 2048/49. Vom Campo San Polo kommt man zum Corte über die etwas verwinkelte Calle del Magazen, den Corte Contarina und den Ramo Corte Scura.

Corte Scura, San Polo
Corte Scura, San Polo

Der Eingang zum Haus ist allerdings völlig unspektakulär und von der Dachterrasse ist von der Landseite aus nichts zu sehen.

Am besten einsehbar ist die Terrasse vom Canal Grande oder von der Vaporetto-Haltestelle Sant'Angelo, die dem Rio San Polo - Amalteo direkt gegenüber liegt.



Und so kommen Sie zum Corte Scura (dem "dunklen Hof")

Vom Campo San Polo zum Corte Scura
Vom Campo San Polo zum Corte Scura




Mittwoch, 11. April 2018

Der Elephantentod in Venedig


Kürzlich habe ich noch einmal den Bericht einer Reise nach Venedig von Georg Matthias von Martens1) (Reise nach Venedig, 1. Theil - Von Stuttgart über Ulm, Wien und Triest nach Venedig und 2. Theil - Venedig. Euganeen. Alpen von Belluno. Tirol. Beide Stettin, Ulm 1824) zur Hand genommen. Hatte mich bisher insbesondere sein Venedig-Aufenthalt interessiert, so fasste ich diesmal auch die Reise nach Venedig ins Auge.
In diesem Zusammenhang stieß ich auch auf Martens‘ Bericht seines Aufenthalts in Vicenza, zu dem eine Fußnote gehört, die sich mit einem Ereignis beschäftigt, das im März 1819 Venedig in Aufruhr versetzte und in ganz Europa Wellen schlug: Der Elephantentod in Venedig – oder wie es in einigen italienischen Publikationen aus der Zeit heißt l’Elefanticidio (Der Elephantenmord).

Martens schreibt:

„In dem Gasthofe zum Kardinalshut (al Capello rosso) fanden wir gute Aufnahme. [...] Wir eilten sogleich, die übrige Tageszeit zu benutzen, um Vicenza’s Merkwürdigkeiten zu sehen. Am nächsten Straßen-Eck war ein Zettel angeschlagen, welcher das Publikum einlud, einen sehr großen Elephanten nebst vielen andern seltenen Thieren aus der weltberühmten Menagerie des Königs von Württemberg2) zu sehen, welche von Herrn Garner3) in dem Hofe eines nahen ehemaligen Klosters gezeigt wurden. Dieser Einladung folgend, fanden wir einen mit mehreren Schildwachen besetzten Hof, in welchem hinter Segeltüchern in zwei Abtheilungen der Elephant und die übrigen Thiere gezeigt wurden.
Wir wandten uns zum Ersten und ich erkannte sogleich den größten, wegen seiner Wildheit berüchtigten Elephanten der ehemaligen Stuttgarter Menagerie. Der Wärter, ein junger Engländer, war aus den Diensten des Königs in die des Herrn Garner getreten und sagte uns, daß sein Elephant, dem man sich in Stuttgart nicht ohne Lebensgefahr nähern konnte, durch Hunger in wenigen Wochen zahm und gelehrig geworden sey.4) Er war männlichen Geschlechts, 11 Jahre alt, 9 Fuß hoch und erhielt täglich außer einigem Obst und Gemüse 60 Pfund Brod und 50 Pfund Heu; bei Nacht legte er sich zum Schlafen nieder. Der Transport von einer Stadt zu andern geschah ebenfalls in der Nacht, wobei er ganz frei geführt wurde, da er schon mehrere Kästen zertrümmert hatte. Er bog seine Knie nieder, der Engländer breitete eine Decke über seinen Nacken, und voltigirte mit großer Leichtigkeit hinauf, warf Reitgerte und Schnupftuch auf den Boden und der Elephant reichte ihm beides, dann sprang der Wärter herab, der Elephant nahm die Decke und legte sie auf die Seite, las einige Thaler vom Boden auf und schüttelte sie mit nach innen gebogenem Rüssel, wie am Geld in der Hand schüttelt. Er nahm einen Hammer und schlug damit auf Verlangen dreimal auf den Boden. Einer blechernen Bouteille zog er den Pfropf aus und ließ den Wein in den Rüssel laufen, dann legte er sie nieder und leerte den Rüssel im Maule aus. Er zeigte, je nachdem es verlangt wurde, den linken oder rechten Vorderfuß, trug einen Eimer herum, als wollte er Wasser schöpfen und langte eine Blechbüchse von der Wand, um damit bei den Umstehenden, während er sie schüttelte, ein Trinkgeld einzusammeln. Er küßte seinen Wärter und einige Zuschauer, indem er die flache Mündung des Rüssels an die Wange legte. Ich gieng zu ihm hin, fühlte ihn an und fand die Haut viel weicher als ich geglaubt hatte. Der Wärter sagte mir, daß sie alle sechs Wochen mit Oel eingerieben werde, damit sie geschmeidig bleibe. Von dem Verstande seines Elephanten hatte er große Begriffe und versicherte mich, daß derselbe vier Sprachen verstehe, englisch, deutsch, französisch und etwas italienisch. Jetzt wollte Herr Garner mit ihm nach Verona gehen und auf den Karneval nach Venedig.“

L'elefanticidio
Der Elephant in der Kirche Sant'Antonin

Hier folgt die Fußnote, die lautet:

„Hier fand er den 15ten März 1819 seinen Tod. Garner wollte ihn auf einen Trabaccolo5) einschiffen, um in nach Mailand zu führen. Der Elephant versuchte fünfmal das Schiff zu besteigen, die Brücke aber wich jedesmal unter seiner ungeheuren Last, er wurde scheu und kehrte wieder um. Durch Schläge und Stöße seiner Aufseher gereizt, ergriff er mit dem Rüssel einige Bretter seiner Hütte und schleuderte sie gegen seine Verfolger. Einer dieser Aufseher, Camillo Rosa von Rovigo, versuchte nun den hungrigen Elephanten durch Vorhalten von Futter zu locken, welches er ihm immer wieder entzog. Darüber erzürnt, ergriff dieser mit einem Rüssel den Unglücklichen, warf ihn zu Boden und trat ihn todt. Jetzt wandte er sich zu einer Obstbude und leerte ihre Apfelkörbe. Als das herbeigeholte Militär einige Musketensalven auf ihn abfeuerte, nahm er die Flucht in eine enge Gasse ohne Ausgang (Calle del Forno). Am Ende derselben erbrach er die Thüre eines Hauses, gieng hinein und versuchte, eine hölzerne Treppe hinaufzusteigen, die unter seiner Last zusammenbrach. Er stürzte unter zahlreichen Musketenschüssen, man glaubte ihn todt, aber bald stand er unversehrt wieder auf, brach durch die starke Thüre der Kirche Sant’Antonio6) und suchte sich in derselben von zusammengetragenen Betstühlen eine Verschanzung anzulegen, bis er endlich durch eine in die Mauer der Kirche gemachte Öffnung mit einer Kanone erlegt wurde.

Die Kugel blieb, obschon aus einer Entfernung von wenigen Schritten angeschossen, in dem ungeheuren Körper stecken, der 4622 Pfund7) wog.

Die Nachricht von dem tragischen Ende dieses Elephanten erregte allgemeine Theilnahme und wurde in gedruckten Volksblättern [...] in allen Straßen der Stadt ausgerufen, durch Zeitungen in ganz Europa verbreitet8). Das Skelett und die ausgestopfte Haut kamen in das Naturalienkabinet der Universität Padua.“

Nach den vorliegenden zeitgenössischen und modernen Veröffentlichungen9) kann der ganze Vorfall so rekonstruiert werden:

Während des venezianischen Karnevals 1819 zeigte Garnier seine Tierschau auf der Riva dei Schiavoni. Zwischen den Brücken del Sepolcro und de la Ca‘ di Dio war dazu ein provisorischer Holzbau (genannt „casotto“) errichtet worden. Nach Ende des Karnevals sollte die Tierschau nach Mailand weiterziehen. Für den Abtransport lag am Abend des 14. März 1819, einem Sonntag, an der Riva dei Schiavoni ein Küstensegler bereit. Es gelang aber trotz mehrfacher Versuche nicht, den Elephanten dazu zu bringen, das Schiff über die Laufplanken, die sich unter seinem Gewicht bewegten, zu betreten. Die Riva war zwar abgesperrt, aber eine Menge neugieriger Menschen, die das Schauspiel von Booten aus betrachten wollten, dürften zur Unruhe des Tieres beigetragen haben. Zu allem Überfluss soll es auch noch Salutschüsse zum Empfang des österreichischen Kaisers gegeben haben. Es wird auch berichtet, dass einige Gondeln umschlugen und deren Passagiere, glücklicherweise ohne ernsthafte Folgen, im Wasser des Bacino di San Marco landeten.

Schließlich wurde beschlossen, den Elephanten über Nacht in einem Magazin in der Nähe unterzubringen und den Transport auf den folgenden Montag zu verschieben. Angeführt von dem neuen Wärter Camillo Rosa aus Rovigo, der den englischen Wärter, den Martens erwähnt, erst kurz zuvor ersetzt hatte, unter Vorhalten eines Brotes und begleitet von zwei Laternenträgern begann der Unglücksmarsch. Erzürnt über den Wärter, der ihm das Brot immer wieder entzog, riss der Elephant sich los, schleuderte seinen Wärter mit dem Rüssel zu Boden und lief in Richtung Ponte del Sepolcro.

Der Fluchtweg des Elephanten
Der Fluchtweg des Elephanten

Riva dei Schiavoni zwischen Ponte de Sepolcro und Ponte di Ca' de Dio

Kaum hatte sich Camillo Rosa wieder erhoben, kehrte der Elephant um, riss den Wärter erneut zu Boden und trampelte nun auf ihm herum. Endlich ließ er von seinem Opfer ab und entfernte sich in Richtung Ponte de la Ca‘ di Dio.
Vier Stunden darauf erlag der junge Camillo, trotz ärztlicher Hilfe, seinen schweren Verletzungen.

Auf dem Wege zum Ca' di Dio zertrümmerte der Elepant ein casotto und die Bude eines Obsthändlers, an deren Auslagen er sich bediente. Auch das Caffè del Porto di Trieste wurde beschädigt. An der Brücke kehrte der Elephant um und lief dann durch die Calle del Dose auf den Campo Bragora (heute Campo Bandiera e Moro).

Campo Bandiera e Moro o de la Bragora, Castello

Von da geriet das Tier in die Salizada del Pignater und in die Sackgasse der Calle del Forno Vechio. An deren Ende versuchte er in das dort liegende Haus zu flüchten, brachte dabei aber die hölzerne Treppe zum Einsturz und kehrte um. Inzwischen hatte man eine Abteilung österreichischer Gendarmerie herbeigeholt. Deren Versuche, den Elephanten durch Musketenschüsse zu stoppen hatten aber keinen Erfolg.



Calle del Forno Vechio, Castello

Aus der Sackgasse kommend wendete sich der Elephant nach rechts und lief die Salizada Sant’Antonin entlang in Richtung der gleichnamigen Brücke, an der er aber stolperte und dann die Tür der naheliegenden Kirche Sant’Antonin durchbrach. In der Kirche verwüstete er die Inneneinrichtung, wobei er mit den Hinterbeinen auch eine Grabplatte zerbrach.
Da man keine Chance sah, der Situation noch Herr zu werden verrammelte man die Kirchentür und der österreichische Offizier Tolomei beschloss, den Elephanten in der Kirche zu töten wofür er auch das Einverständnis des Patriarchen von Venedig erhielt. Man brach in die Außenmauer der Kirche ein Loch und erlegte den Elephanten im zweiten Versuch mit einem Schuss aus einer Dreipfünder-Kanone, die man aus dem nahen Arsenal geholt hatte.

Chiesa di Sant'Antonin / Salizada Sant'Antonin Castello

Garniers zweiter indischer Elephant erlitt im Jahr darauf ein ähnliches Schicksal. Dieses Tier wurde 1820 in Genf von einer Mademoiselle Garnier (die, je nach Quelle, eine Tochter oder Nichte des Cluade Garnier gewesen sein soll) vorgeführt.
Auch dieser Elephant geriet außer Kontrolle und, da der Versuch ihn mit Gift zu töten, nicht gelang, wurde er schließlich auch durch einen Kanonenschuß erlegt.


1) Georg Matthias von Martens (*1788 bei Venedig; † 1872 in Stuttgart) war ein Sohn des Kaufmanns und Kgl. dänischen Konsuls in Venedig.

2) Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg (1754 - 1816) seit 1806 als Friedrich I. König von Württemberg
1812 gründete Friedrich I., König von Württemberg, eine Menagerie auf dem Gelände eines königlichen Landschlösschens beim heutigen Neckartor. Ungewöhnlich für die Zeit waren Tafeln mit Erläuterungen zu den Tieren in den Gehegen und die Öffnung für das „normale“ Volk. In der Menagerie wurden 220 Tiere gehalten, darunter Elephanten, Affen und Papageien. 1816, nach dem Tod des Königs, wurde sie aus Kostengründen geschlossen.

Die Zeitung „Der Zoologische Garten“ schreibt zu den Elephanten a.a.O., S. 99f: Nachdem gleich im November 1816 unter der Hand einzelne Thiere, namentlich der junge Elephant und mehrere Raubthiere, und im Februar 1817 der ältere Elephant verkauft und noch viel früher der dritte Elephant an das kgl. Naturaliencabinet abgegeben waren, weil eben diese Thiere am meisten consumirten, erschien im Juli 1817 im „Stuttgarter Anzieger“ die Annonce, welche den Ausverkauf einleitete, [...] Die hauptsächlichsten Käufer waren: der König von Byern für 23 Stück [...] der Thierhändler und Circusbesitzer Tourniaire 16 Stück (wobei der junge Elephant um 1100 fl., mehrere grössere Affen, ein Strauss, Papageien); Thierhändler Garnier aus Berlin kaufte den oben näher besprochenen Elephanten um 3300 fl., den Leopard um 800 fl., eine Bären, die Waschbären, mehrere Affen, die Biber und viele Papageien, Adler. Der Elephant, welcher, wie oben erzählt [s. Fußnote 4], sich mehrfach ungeberdig benommen hatte, wurde in der Garnier’schen Menageri zu einem ganz gelehrigen Thiere, [...]“. Anschließend referiert die Zeitschrift den oben wiedergegebenen Bricht von Georg Matthias von Martens.

3) Claude Garnier, entgegen den Angaben in Wikipedia, nach der Garnier aus Berlin stammte und denen in diversen italienischen Veröffentlichungen, nach denen er als Schweizer bzw. als Schwede bezeichnet wird, heißt es in amtlichen preußischen Veröffentlichungen der Genehmigung seiner Tierschauen, dass er aus Gondrecourt in Lothringen stammte:

1) Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Cleve. Nro. 1. Cleve den 1. Januar 1817.
Verordnungen der Königl. Clevschen Regierung.
Nro. 88. General-Concession.
Von dem hohen Polizei-Ministerio an den Claude Garnier aus Gondrecourt in Lothringen, bis zu Ende des Jahres 1818 in sämmtlichen Königl. Preußischen Staaten seinen Elelphanten für Geld zeigen zu dürfen.
Cleve den 4ten Februar 1817.
B.Nro. 834 – Königl. Preußische Regierung Erste Abtheilung.

2) Amtsblatt der Königlich Preußischen Regierung zu Minden Ausgabe 25. Februar 1817
Der Königl. Regierung mache ich hierdurch bekannt, daß dem sich gegenwärtig hier aufhaltenden Claude Garnier aus Gondrecourt in Lothringen, heute auf sein Ansuchen die Erlaubniß ertheilt worden ist, seine Elephanten bis zum Ende des Jahres 1818 in sämmtlichen Königlich- Preußischen Staaten zeigen zu dürfen.
Berlin, am 3ten Januar 1817

Diesen Mitteilungen ist wohl eher zu glauben, da außerdem in einschlägigen genealogischen Seiten im Internet der Name Garnier tatsächlich in Gondrecourt zu finden ist.
Die merkwürdigste Angabe lautet „dallo svedese Claudio Garnier (originario di Gauter Corout)“

4) Schon unmittelbar nach dem Verkauf des Tieres an Garnier ereignete sich das erste Fluchtereignis dieses Elephanten. Die Zeitschrift „Der Zoologische Garten“ berichtet darüber folgendes: Beim Abtransport des Elephanten aus der Stuttgarter Menagerie zertrümmerte dieser in der oberen Neckarstraße seinen Wagen und lief davon. Schließlich gelangte er in die Einfahrt des sogenannten Grünen Hauses auf dem Bärenplatz. Schließlich konnte ihn ein Wärter herauslocken und zur Menagerie zurückführen. Aber auch einen weiteren Wagen, der nun solider konstruiert sein sollte, zertrümmerte der Elephant „oben auf der Prag“.
(Der Zoologische Garten. Zeitschrift für Beobachtung, Pflege und Zucht der Thiere. Gemeinsames Organ für Deutschland und angrenzende Gebiete. Herausgegeben von der „Neuen Zoologischen Gesellschaft“ in Frankfurt a. M. Redigiert von Dr. F. C. Noll. XVI. Jahrgang., Verlag der Neuen Zoologischen Gsellschaft, Frankfurt a. M., 1875, S. 98.)

Die Zeitschrift tituliert Herrn Garnier als „Thierhändler aus Berlin“, der einen von drei Elephanten aus der Menagerie für 3.300 Gulden gekauft hätte.

5) Die Trabakel (italienisch trabaccolo, auch Trabakk) war ein adriatisches, speziell dalmatinisches zweimastiges Segelschiff des 17. und 18. Jahrhunderts.
Das Schiff wurde verwendet als Allzwecksegler für die Küstenfahrt und den Fischfang zwischen den vorgelagerten Inseln und dem Festland.

Das Besondere an der Trabakel war die Besegelung mit sogenannten Halbrahsegeln. Als Halbrahsegel werden große Rahsegel bezeichnet, die an Pfahlmasten und einer nur einseitigen Rah (halben Rah), ähnlich einer horizontal stehenden Gaffel gefahren wurden. Über diesem Segel befand sich an jedem Mast ein kleines Rah-Toppsegel. Am Bugspriet wurde ein großes Klüver verwendet. Die Länge der Fahrzeuge betrug etwa 30 Meter und die Breite 6 Meter. Diese Küstensegler hatten ein durchlaufendes Deck zwischen den Masten. Der Vorsteven war einfallend gebogen. (Wikipedia)

Nach anderen italienischen Berichten handelte es sich bei dem Schiff um eine eine Variante des Trabaccolo, auf dem ein hölzerner Verschlag für den Elephanten errichtet war und dessen Reling zum Teil entfernt worden war, um dem Tier den Zugang zu ermöglichen.

6) Gemeint ist die Chiesa di Sant’Antonin an der gleichnamigen Salizada. Diese Kirche war 1806 unter der napoleonischen Okkupation säkularisert und unter der österreichischen Okkupation 1810 wieder konsekriert worden.
Übrigens war die Kirche während der letzten 28 Jahre wegen Renovierung geschlossen und kann erst jetzt wieder, nach Voranmeldung, besichtigt werden.

7) 4.622 Pfund (libbre grosse venete) = 2.203,4 kg

8) Unter anderem berichteten ziemlich ausführlich und zum Teil wortgleich die Zeitungen „Oesterreichischer Beobachter“ Nr. 88 vom 29. März 1819, „Der Wanderer“ Nr. 89 vom 30. März 1819 (beide aus dem Verlag Anton Strauß in Wien) und die „Leipziger Zeitung“ Nr. 69 vom 7. April 1819.

9) Pietro Bonmartini, L’Elefanticidio in Venezia dell’anno 1819, Venedig 1819; Posesie e Sartire di Pietro Buratti, Amsterdam 1823, S. 212ff.

Sonntag, 8. April 2018

Ein "Wahlplakat" am Dogenpalast



Unter den Arkaden des Dogenpalastes, unweit der Porta della Carta, ist noch heute ein Graffiti des 17. Jahrhunderts zu sehen:


Graffiti am Dogenpalast
Graffiti am Dogenpalast


W () W
ZAN. BATTA
NANI K F
RR. MER.




Was heißen soll:
"Viva Giovan Battista Nani, Cavaliere e Procuratore per merito"

(Zwischen den beiden "viva" ist ein Dogenhut angedeutet).


Giovan Battista Nani (Venedig, 1616-1678) war Botschafter der Republik Venedig in Frankreich und Prokurator von San Marco. Er betätigte sich außerdem als Bibliothekar und Historiker und schrieb eine Geschichte der Republik Venedig.

G. B. Nani (1616 - 1678)
G. B. Nani (1616 - 1678)
Frontispiz seiner "Istoria della repubblica veneta"
Quelle: Biblioteca Europea di Informazione e Cultura [Public domain], via Wikimedia Commons

1676 stand nach dem Tod des 105. Dogen Nicolò Sagredo die Wahl eines Nachfolgers an. Nanis Unterstützer hinterließen uns dieses "Wahlplakat".
Eigentlich erwartete jeder, dass des Verstorbenen Bruder Giovanni dem Nicolò Sagredo nachfolgen würde. Der hatte auch schon dreiviertel der Wahlmänner auf seine Seite gezogen. Durch Bestechungsvorwürfe gegen Giovanni Sagredo alarmiert, tauschte der Große Rat dann aber die Wahlmänner aus, und die wählten am 26. August 1676 Nanis Mit-Prokurator Alvise Contarini zum 106. Dogen.

Alvise Contarinis Dogat ist insbesondere dadurch erinnerungswürdig, dass, wiewohl ohne sein Zutun, in Venedig 1683 das erste Kaffeehaus eröffnet wurde und an Venedigs Universität in Padua am 25. Juni 1678 weltweit die erste Frau, Elena Lucrezia Cornaro Piscopia (1646 - 1684) einen Doktortitel (in Philosophie, da man ihr untersagte in Theologie zu promovieren) erhielt. Der Vater von Elena, Gianbattista Corner, war übrigens auch Prokurator von San Marco.